Freitag, 9. Mai 2008

Santa Cruz, die Stadt der bunten Stiefmütterchen

10.000 Menschen wehen mit roten Fahnen und schreien Zapatero. Zuerst sprechen die lokalen politischen Größen. Patricia Hernandez hält eine Rede im kurzen Minirock. SIe ist kaum 30 Jahre alt und kandidiert für einen Sitz im Senat in Madrid. Politische Agitation im Minirock und Stöckelschuhen. Warum auch nicht? Vielleicht haben die Spanier uns etwas voraus. Warum müssen erfolgreiche Frauen immer männliche oder dezente Kleidung tragen? Dann schauen alle mit glänzen Augen auf Zapatero. »Gleichheit für alle! Bildung für alle! Wir sehen in die Zukunft!«
M ( Mariano Rajoy / PP) steht für »miedo« (Angst) und »mala« (schlecht) »miseria« (Misere). Das Kind von Mariano Rajoy geht in eine Privatschule, das Studium wird von Papa bezahlt und arbeitet später in der Firma des Vaters. Das ist verbale Agitation. Hat nicht gerade viel mit der Realität zu tun. Aber wer sagt denn, dass die Menschen realistisch denken können?

Die erste TV-Debatte seit 15 Jahren. Face to face Zapatero - Rajoy. Ganz Spanien schaut zu. DieTV-Debatte besteht aus Anschuldigungen, Zahlen und Grafiken. Ist die Arbeitslosigkeit nun gestiegen oder nicht? Der eine sagt ja, der andere nein. Wer hat denn nun die richtigen Zahlen? Politik bleibt einfach abstrakt. Deshalb hilft eigentlich nur die emotionale Agitation.

DIe Wahlsprüche 2008:
»Wähle mit all deiner Kraft «PSOE
»Mit Kopf und Herz und klaren Ideen« PP
»Sprich Kanarisch« CC Nur die Canarios können die Kanaren auch in Madrid vertreten.

Die Wohnung gleicht einem sinkenden Schiff. Milagros, die neueste Mitbewohnerin zieht morgen aus. Sie erträgt die unsichere Situation nicht. Milagros putzt um auszuziehen, Marie putzt um einzuziehen. So bleibt die Wohnung immer sauber. Marie putzt die ganze Wohnung von oben bis unten durch. Sie ist zur Zeit arbeitslos und hat Zeit. Den Tag verbringt sie mit putzen oder TV schauen. Manchmal spricht sie auch mit sich selbst. Sie scheint glücklich zu sein. Wir kommunizieren nicht viel, deshalb kommen wir gut miteinander aus. Arancha wohnt überwiegend bei ihrer Mutter und ihrem Kind. Für zwei Tage in der Woche genießt sie ihre Freiheit und schläft hier. Marcel immer noch verschollen auf Kuba. Dem Besitzer fehlt eine Monatsmiete und Wassergeld. Bis zum 24.März muss das Geld bezahlt werden. Nebenbei schaue ich mich schonmal nach einem neuen Zimmer um. Carsten, der dänische Fotograf, bietet mir seine Wohnung in Tabaiba mit der phantastischen Aussicht an. Ein Zimmer mit Wohnzimmer 55 m2 für 400 Euro. Das ist ein sehr guter Preis. Aber bei meiner unstabilen Lage immernoch zuviel. Es ist wie zu früheren Zeiten im Osten. Wenn man eine schöne Wohnung haben möchte, muß man sich einen Partner suchen und dann schnell zusammenziehen. Alles andere ist unerschwinglich.
Ich könnte auch ein Zimmer für 300 Euro mieten. In gelbgrün gestrichen, mit Fenster zum Hof. Eine gutaussehende Frau mit langen braunen Haaren und Stöckelschuhen öffnet mir die Tür. Die Wohnung ist geschmackvoll eingerichtet und hat einen Balkon mit Blick zum Meer. Dafür kostet das Zimmer eben auch 300 Euro. Ich kann mich auch dafür nicht entschliessen, also warte ich ab. Ich genieße zur Zeit meine Freiheiten in der jetztigen Wohnung. Enzo, der sizilianische Immobilienmakler aus dem Schwabenland hätte eine Wohnung für mich: 340 Euro plus Nebenkosten. Insgesamt 400. DIe Wohnung hat ein Zimmer, ist hell und zugestellt mit alten, hässlichen Möbeln. Es gibt wohl ein Gesetz, wenn man möbiliert vermietet, bekommt man die Mieter schneller wieder raus. Dabei merke ich, ich will gar nicht alleine wohnen. Und schon gar nicht inmitten von einem Schrotthaufen von Möbeln.

Ein Afrikaner kommt selten allein....
Eine afrikanische Frau ist von ihrem Ehemann mit Kind aus der Wohnung geworfen worden. Es fehlen 12.000 Euro in bar. Der Mann beschuldigt seine Frau für das Verschwinden des Geldes. Schnelles Geld ist eben schnell wieder weg. Viele Afrikaner verdienen im Drogenbusiness ihr Geld. Es bleiben nur wenige Arbeitsmöglichkeiten. Viele sind Analphabeten und haben keine Ausbildung. Wer nicht im Drogengeschäft ist, verdient im Straßenbau sein Geld. Abdoulaye-Djibril aus Guinea Conakry hilft dieser Frau mit Kind und ihrer Schwester. Den eigenen Landsleuten hilft man eben. Alle haben auch schonmal bei uns übernachtet. SIe sind auf der Suche nach einem Zimmer. EIn Kubaner nahm alle drei in ein Zimmer auf. Für 150 Euro. Es geht eben doch noch enger. Sie haben keine andere Wahl. Die Schwester ist 20 Jahre, arbeitssuchend. Mit ihren Papieren hat sie keine Probleme mehr, da sie in Frankreich geboren ist. Ein Koffer steht immer noch in unserer Wohnung.

Abdoulaye kann auch Djibril heißen. Und Guinea Conakry liegt an der Westküste Afrikas, südlich von den Kanaren. Sein Vater hat ein Schmuckgeschäft in Guinea Conakry. Als 1984 der Präsident wechselte, verlor er eine Menge Geld. Nach dem Tod Sekou Tourés am 26.März 1984 übernahm am 3.April 1984 der Oberst Lansana Conté die Macht. Gestützt auf ein Militärkomitee. Nach einem Bericht von Transparency International vom November 2006 ist Guinea das korrupteste Land Afrikas. Djibril hat bis zu seinem elften Lebensjahr keine Schule besucht. Er arbeitete zeitweise in der Autowerkstatt seines Onkels mit. Dann machte er so eine Art Privatkurs um Französisch zu lernen. Dem Lehrer fiel seine schnelle Ausfassungsgabe auf, und riet den Eltern, ihn auf eine Schule zu schicken. Er übersprang zwei Klassen und war irgendwann auch wieder der Beste. Wir würden sagen Streber, aber in diesem Land hat man diesen Luxus nicht, das sagen zu können. In Guinea herrscht eine Analphabetenquote von 56 %, die Einschulungsrate im Primärschulbereich liegt bei etwa 50 %, im Sekundärbereich bei 10 % und im Hochschulbereich bei 1 %. Es gibt zwei Universitäten. In der Hauptstadt Conakry und in Kankan bei denen insgesamt etwa 6.000 Studenten eingeschrieben sind.
Der Altersdurchschnitt ist 17 Jahre. Die Lebenserwartung liegt bei 54 Jahren. Das durchschnittliche Jahreseinkommen je Einwohner beträgt 190 Euro.
Die Inflationsrate beträgt 34,7 % im Jahr 2006. Nur wenige afrikanische Länder haben so viele Bodenschätze wie Guinea. Obwohl sie etwa 85 (2004)
der Exporterlöse des Landes erbringen, bietet der Abbau nur wenige Arbeitsplätze.
Die letzten drei Jahre zum Abitur wurde Djibril vom Staat bezahlt, weil er zu den Besten gehörte. Seine Schulkollegen waren die Töchter und Söhne
der Minister und reichen Leute. Nach dem Abitur gingen sie alle nach Oxford oder in die USA studieren. Das konnten seine Eltern nicht bezahlen,
obwohl seine Familie nicht arm ist. Aber er hat eine Schwester in Hamburg, sie hat dort studiert und arbeitet jetzt bei Siemens. Nach dem Studium
hat sie um ihre Aufenthaltserlaubnis gekämpft. Seine Schwester versprach ihm sein Studium zu finanzieren. Im Jahr 2000 kam er zum ersten Mal
nach Deutschland und arbeitete mit anderen Papieren in einer Putzfirma und lernte Deutsch. Sein Traum blieb, in England zu studieren. Djibril ist
seit drei Jahren auf Teneriffa. Durch Verwandte die ihn unterstützen kam er auf die Insel. Er hat zwar immer noch kein Studium aber zumindest
eine Aufenthaltserlaubnis und Arbeitserlaubnis für Spanien. Um in England studieren zu können, und das Visum zu erhalten darf man die ersten 6
Monate nicht arbeiten. Er sagt, er kann erst zurück nach Afrika, wenn er ein Studium beendet hat. Djibrils Vater versteht das alles nicht. Er soll
zurückkommen, das Geschäft übernehmen und heiraten. Djibril erzählt ihm, dass er in Malaga wohne und ihm gehe es gut. Er will seinem Vater nicht
seine Adresse geben. Heiraten und Kinder bekommen ist obligatorisch. Djibril fragt mich, wer denn für mich sorgen wird, da ich keine Kinder habe?
Ich sage, dann ziehe ich mit meinen Freunden zusammen. Kinder sind auch keine Garantie.

Wir sind jetzt vier Fotografen bei der La Gaceta. Santi, der Chef, Alex der Sportfotograf und Javier der im Norden der Insel fotografiert. Das macht sich bei meinem Gehalt schonwieder bemerkbar. Die Fototermine werden immer mehr Routine, ich muß langsam an einen Wechsel denken um weiterzukommen. Weitere Anreize gibt es hier nicht.

Ich wandere das erste Mal die touristische Küste von Los Cristianos ab. Weisses Fleisch, quillt aus kurzen Hosen und bauchfreien Tops. Rosafarbenes Fleisch verrät die Dauer des Aufenthalts der Touristen. Man hört Englisch, Deutsch und Skandinavisch. An jeder Ecke ein Irish Pub und Touristenshop mit Sonnenöl, Badelatschen und Strandtüchern mit einem Teneriffaaufdruck. Die Küste zieht sich in einem bestimmten Rhythmus der Geschäfte entlang. Hotel, Irish Pubs, Geschäfte für die touristischen Bedürfnisse. Ich weiss nie genau wo ich mich befinde, weil alles so gleich aussieht. Schwarze Senegalesen verkaufen Sonnenbrillen auf der Straße. Senegalesische Frauen in traditionellen bunten Kleidern flechten den Europäerinnen afrikanische Frisuren. Drei Nigerianerinnen mit kurzem Rock und tiefem Ausschnitt bieten ihren Körper an. Die Prostitution soll stark angestiegen sein, obwohl die Straßenhuren kaum noch zu sehen sind. Das Geschäft läuft in Clubs und Wohnungen ab. Immigrantinnen aller Nationen arbeiten so. Der Frauenhandel kann so ungestört funktionieren.

Die Prozessionen am dunklen, stürmischen Karfreitag verläuft in der Stille ab. In La Laguna haben sich etliche Menschen auf der Straße versammelt und warten auf die Chofradias, die Kapuzenmänner. Sie erinnern an den Ku Klux Clan. Das ist in unseren Köpfen präsenter als die spanischen Osterprozessionen. Nur die schlürfenden Schritte und das Klirren der Ketten ist zu hören. Die Straßen sind dunkel bis auf einige aufblitzende Kerzenlichter. Keiner spricht ein Wort. Ein magischer Moment und man ist wieder ins Mittelalter zurückversetzt.

Habe seit vier Tagen undefinierbare Zahnschmerzen. Und das im Ausland!
Jeder Deutsche ist erst einmal geschockt, wenn er im Ausland krank wird oder Schmerzen hat. Die Angst vor ausländischer Stümperei, ungenügende Technik und vor allen Dingen die folgenden Rechnungen ist bei den Deutschen groß. Ostermontag ist ein normaler Arbeitstag. Mein Glück. Ich suche den erstbesten Zahnarzt gleich um 9.00 Uhr morgens in meiner Nähe auf. Zuerst weiß ich nicht wer die Zahnärztin oder die Assistentin ist. Sie findet gleich den Zahn, ich versteh einigermaßen was sie mir erklärt. Und lerne neue Vokabeln dazu. Die Blombe muß weg, um darunter den Karies zu entfernen. Sie zeigt mir das riesige schwarze Loch in meinem Backenzahn. Ich bin geschockt. Dabei versuche ich doch meine Zähne gut zu pflegen! Wenn man den Karies unterhalb der Blomben nicht kontrollieren kann, hilft alles Zähneputzen und Kontrolle nichts. Nein, ich brauche kein Anästhetikum. Sie bohrt und bohrt, mit offenem Mund denke ich an die folgende Rechnung. Irgendwann sagt sie, wir müssen den Nerv töten. Ein paar Minuten später sind es alle Nerven. Der Schmerz wird immer intensiver. Ich halte es kaum aus und versuche schreiend auf dem Stuhl zu bleiben. Anästhetika bitte! Viel nutzt es nicht mehr. Der Schmerz bleibt intensiv. Ah, die Deutschen sind sehr stark! Bevor ich gehe, schreibt die Zahnarzthelferin eine Rechnung von 150 Euro. DIe habe ich nicht dabei. Das ist egal. Bring sie nächstes Mal mit. WIe ich das nächste Mal das Geld herbeischaffe, interessiert keinen. In Spanien müssen alle Zahnarztleistungen voll bezahlt werden. Deshalb hatte Milagros fast keine Zähne mehr im Mund.

Der Tag verlief weiter mit entstehenden Kosten. Ich habe mein Auto im strömenden Regen gesucht. Abgeschleppt. Bei aller Auswahl der Parkplätze habe ich genau dort geparkt, wo Bauarbeiten stattfinden. 72 Euro Abschleppkosten und eine Strafe von 90 Euro. In La Laguna mit der Straßenbahn gut angekommen, bringt mich ein Fotograf zu meinem weiteren Termin. Auf dem Weg sehen wir einen Unfall. Starker Regen und Unfälle sind hier immer eine erste Seite in der Zeitung wert. Ein Polizist attackiert mich, ich solle nicht fotografieren. Ich fotografiere trotzdem. Er reisst mir die Kamera mit Gewalt weg, ich solle mich auf der Polizei melden. Zu meinem nächsten Fototermin habe ich keine Kamera. Jesus, der Fotograf hilft mir aus. Danach sprechen wir mit dem Polizeichef, der sich dafür entschuldigt. Das waren dIe Nerven. Ich habe immer noch enorme Zahnschmerzen.
Übe mich jetzt im positivem Denken. Der Tag war gar nicht so schlecht. Mir hat jemand geholfen meine Zahnschmerzen loszuwerden, Jesus hat mich zu meinem Termin gefahren und für mich fotografiert, und ich habe meine Kamera wiederbekommen. Und den Strafzettel, den habe ich Miguel gegeben. Sein Freund arbeitet auf der Stadtverwaltung.

Karfreitag machen wir eine Chuleta mit der ganzen Zeitung. Chuleta? Was ist das? Irgend ein Essen in Orotava. Ich ziehe endlich mal einen netten Rock an un denke sogar an Stöckelschule. Wird irgendein Essen sein. Als ich mit Juan auf dem Weg in die Berge nach Orotava fahre, wird mir langsam klar was Chuleta bedeutet. Grillen im Wald. 1000 Meter über dem Meeresspiegel, Nebel, Regen und eine Kälte, kaum zum Aushalten. Das hat man davon, wenn man als Ausländer nur die Hälfte versteht. Meinem rosafarbenen Rock wurde von allen bewundert. Na ja die Deutschen, die halten eben Kälte gut aus. Mir war es zu peinlich zu sagen das ich nicht genau verstand was wir machen. Zum Glück hatte ich mich gegen Stöckelschuhe entschieden. Das wäre im Wald auf dem Fussballfeld wirklich nicht angebracht. Das Fleisch war vorzüglich, wir haben ganze fünf Stunden im Regen gesungen! Danach sind wir alle durchgefroren zu Egons Café gefahren. Ein deutsches Cafe in Orotava mit einer köstlichen heißen Schokolade.

Djibril hat mit einem Schlag seine ganze soziale Basis verloren. Sein bester Freund und Mitbewohner ist von der Polizei mitgenommen worden. Die ganze Wohnung durchsucht. Sein Versprechen, nicht mit Drogen zu dealen, konnte er nicht halten. Jetzt wird er längere Zeit im Gefängnis sitzen. Als ältester Sohn muss er die Familie in Afrika versorgen. Lange kann er sein Schicksal nicht verheimlichen. Djibrils Vater hat angerufen. Er habe gehört, und er hoffe nicht dass Djibril darin verwickelt ist. Die afrikanischen Buschtrommeln funktionieren sehr gut. Afrikaner, die auf Teneriffa wohnen, haben selbst in Afrika den Ruf als Drogendealer. Die afrikanische Bar ist geschlossen. Das Mädel aus Santo Domingo wird für längere Zeit im Gefängnis sitzen. Die afrikanische Frau des Eigentümers der Bar wird entlassen. Ihre zwei Kinder versorgt in der Zeit die 20 zigjährige Hafsathu in Djibrils Wohnung. Der Eigentümer wurde im Dezember festgenommen. 150.000 Euro liegen auf einem sicheren Konto. 60.000 Euro wurden in einer Wohnung bei der Durchsuchung gefunden. Und 1.5 kg reines Heroin. Ein Artikel in der La Gaceta erklärt drei Operationen. Unter anderem wurden auch ein deutsches Paar mit 310 kg Haschisch festgenommen. Das Geld ist verführerisch. Man steht morgens um 11.00 Uhr auf, dann kommt der erste Anruf. Treffen in einem Cafe. 100 Euro verdient. Nachmittags shoppen in der Calle Castillo. Dann kommt der nächste Anruf. 200 Euro verdient. Täglich 500 Euro sind in der normalen Arbeitswelt nicht so leicht zu verdienen. Aber die ständige Angst, das Geheimnis, die Lüge begleitet den Alltag. Das Gefängnis liegt auf einer romantischen Anhöhe in La Esperanza. Von dort hat man einen schönen Blick bis zum Angagebirge, gelbes Blütenmeer mit saftigen grünen Wiesen. La Esperanza, die Hoffnung, ist ein schöner Name für ein Gefängnis. Für 1 kg Kokain gibt es angeblich unvorstellbare neun Jahre. Ein Freund von Djibril hat diese neuen Jahre unschuldig abgessen. Weil in der Wohnung Kokain gefunden wurde, und keiner der Mitbewohner sagte, wem das Zeug gehörte, sind sie alle drei ins Gefängnis gewandert. Was für ein Schicksal.

Ich höre mir Diskussionen über Afrika im Forum der Caja Canarias an, Djibril hat anderes zu tun. Der afrikanische Alltag will sich nicht mit Themen wie »Hat Afrika ein Zukunft?» nicht beschäftigen. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Darunter vier Afrikaner. Es wird über die Schuld des Kolonialismus gesprochen und der Schuld der Regierenden in Afrika. Zwei Kreisläufe existieren nebeneinander. Der Kreislauf der Entwicklungshilfe und der Kreislauf der enormen Ressourcen, die Afrika hat. Kein Geld kommt bei der Bevölkerung an. Passt das Model China auf Afrika, oder was würde ein Che Guevara in Afrika bewirken? Che wird vom El Pais Korrespondenten nicht als Held angesehen. Töten für eine Idee ist einfach töten und nichts mehr. Klatschen im Saal. Und wer diktiert die Preise auf dem Weltmarkt? Stimmen werden laut. Eine Afrikanerin glaubt nicht an die Zukunft Afrikas. Das Thema Irak wird immer wieder als Beispiel gegen Menschenrechte genommen. Eine Millionen Tote, drei Millionen Flüchtlinge und zwei Millionen Verletze in den letzten fünf Jahren im Irak und keiner spricht von einem Genozid. Der senegalesische Touristenführer Ousseynoum spricht sieben Sprachen und versorgt 20 Personen mit seinem Gehalt. In Afrika ist die Familie das Wichtigste in der Gesellschaft. Die KInder versorgen ihre Familie. Das ist ihr ganzer Stolz und dafür gehen sie nach Europa, weil sie in Afrika keine Arbeit bekommen. Jedoch bleiben viele Männer für die afrikansichen Frauen spurlos verschwunden. Sie wissen nicht, ob sie bei der Überfahrt umgekommen sind, oder im Gefängnis gelandet sind, oder sich einfach nicht melden, weil sie nicht in der Lage sind, Geld nach Hause zu schicken. Es gibt sehr viele geschiedene Frauen im Senegal. Aber die Jugend sei die Zukunft Afrikas.

Heute habe ich eine Gerichtsverhandlung fotografiert. Ein Mann um die 40 Jahre hat seine Exfreundin mit 70 Messerstichen getötet. Ich versuche mich in die Realität dieses Mörder hineinzudenken. Was hat er währenddessen gedacht? Sein Spruch: »Jetzt fühle ich mich befreit.« Er bekommt 25 Jahre »La Esperanza«

Freitag, 29. Februar 2008

Santa Cruz, die Stadt der rosaroten Alpenveilchen

Gelbbraune Inseln im blauen Meer durch das kleine runde Flugzeugfenster. Noch 10 Minuten und ich bin wieder zuhause. Eine Ferieninsel für Deutsche meion zu Hause? Die eisige Kälte, meine Freunde, die braun grauen Farbtöne. Deutschland war schön um es nicht zu vergessen. Die Sehnsucht bleibt aus.

Karneval bestimmt die Atmosphäre der Stadt. Die Murgas mit ihren bunten Kostümen singen kritische Lieder über die politischen Probleme der Stadt. Der Strand »Las Teresitas« und die dunklen Geschäfte des Bürgermeisters. Auch dIeser Strand soll nicht vom Tourismus verschont bleiben. Das Volk verdient Pesetas und zahlt in Euros. Alle singen mit. »Chicharrero de corazón« hört man bis mitten in die Nacht hinein auf den Straßen.

Zum Höhepunkt wird die Karnevalskönigin gewählt. Diese 20zigjährigen zarten Schönheiten präsentieren jeweils ein Phantasiebild, dass auf Rädern über die Bühne gezogen wird. Frisch, hübsch, im gebärfreudigen Alter, wie alle Königinnen der Schönheit. Ich denke über Sinn und Zweck dieser Schönheiten nach. Hat das etwas mit Fruchtbarkeitssymbolen zu tun? Überdimensionale Kostüme mit Flügeln, Palletten, Phantasietiere, ein Farbenrausch. Nauzet Celeste Cruz Melo mit der Phantasie »Das goldene Zeitalter« wird vom Einkaufszentrum Carrefour gesponsert. Und sie hat es geschafft. Jetzt hofft sie auf Fotoshootings und auf die Welt der Mode. London, New York, Teneriffa. Die Karnevalskönigin hat es immerhin schon bis zur ersten Seite der deutschen Zeitung »Die Welt« geschafft.

Als Höhepunkt fliegt die 73 jährige Sophia Loren aus Italien ein, um die Schönheiten und deren Design zu begutachten. Nein, eigentlich soll sie selbst von den 9000 Zuschauern begutachtet werden. Das Publikum bestaunt ihre ungebrochene Jugend und deren Sexappeal. Der pralle Silikonbusen schwappt aus dem feuerroten Kleid. Alles scheint überdimensional bei ihr zu sein. Die Augen, der Mund, das Dekolté. Das Lifting macht sie zu einem gutaussehenden Transvestiten. Sie scheint immer noch ihrem Ruf als Sexsymbol verpflichtet zu sein. Wir Fotografen drängen sich um die Schönheit, die mit ätherischen Blicken in ein imaginäres Nichts an den Kameras vorbeischaut. Sophia schau hierher und hierher, und für mich auch noch einen Blick! Alle jubeln ihr zu. Gerard Depardieu schaut ihr ungewollt in den Ausschnitt. Da kommt eben keiner drum herum.

Im Gegensatz zu Deutschland wird hier erst am Aschermittwoch eine Sardine aus Pappe verbrannt. Bis in die Nacht hinein trauert die Karnevalsgesellschaft in den Straßen von Santa Cruz. Männer als schwarze spanische Witwen verkleidet werfen sich zu Boden und bekunden ihre Trauer mit großen Federfächern. Ein Mann zeigt mir seine Unterhose aus rosafarbenen Bonbons gehäckelt. Ein letztes Mal auf die Pauke hauen. Der Karneval ist vorbei, aber noch nicht ganz. Das Ende muss sanft vollzogen werden. Bald werden Männer in aufreizender Frauenkleidung auf der Straße nicht mehr akzeptiert. Es wird wieder schwieriger Männer sowie Frauen kennenzulernen. Am Wochenende geht es nochmal so richtig los. Dann wirklich das letzte Mal.

Der Samstag ergießt sich in warmen Regengüssen dahin. Spontan werden Musikbands und der Karnevalsumzug für Kinder auf den Sonntag verlegt. Trotzdem sind die Straßen voll mit Prinzessinnen, Dominas, Männer in Miniröckchen als Sexymietze oder als Omas mit schlaffen Brüsten verkleidet. Flamencotänzerinnen, Römer, Hippies mit riesigen schwarzen Perücken, Schwangere in weißen Hochzeitskleidern oder deutsche Touristinnen im Badeanzug mit Schwimmreifen, ausgestopft zur unförmigen Figur des Durchschnittstouristen. Es ist erlaubt an falsche Brüste zu fassen, Männern auf knackigen Hintern zu klopfen. Drei Blondinen mit den gleichen Kleidern von H&M stolzieren mit ihren hochhackigen Schuhen durch das Menschengewühl. Viele Spanier gehen in Gruppen mit gleichen Kostümen aus. Die Weihnachtsbeleuchtung strahlen ein warmes, gelbes Licht durch die grünen Blätter der Bäume. Mit oder ohne Regenschirm, bald ist jeder bis auf die Haut naß. Es hilft nur noch tanzen zur Latinomusik und der Alkohol. Karneval bedeutet Sex pur. In dieser Zeit ist jeder bereit ein kleines Abenteuer zu riskieren. Deshalb wird jedes Jahr eine neue Kondomkampagne gestartet. Der Fotograf Carsten aus Dänemark hat immerhin vor fünf Jahren seine Frau an Karneval kennengelernt.

Enzo, der Italiener aus dem Schwabenland hat seine blaue Perücke und das rosafarbene Minikleid in einen Anzug ausgetauscht und geht seiner Arbeit als Immobilienmakler nach. Er zeigt mir sein zur Zeit neuestes Projekt. Eine Einzimmerwohnung im 13. Stockwerrk mit Blick auf den Hafen und das blaue Meer. Es ist traumhaft und man fühlt sich wie in einer modernen Großstadt. Der Boden im Zentrum von Santa Cruz ist teuer. 150.000 Euro und die 37 Quadratmeter sind mein. Ich stelle mir das Leben im 13. Stockwerk auf Teneriffa vor. Hier bleiben?

In der Fußgängerzone Calle Castillo treffe ich Katharina aus Berlin mit ihrem Mann aus Argentinien. Sie haben sich beim Tangotanzen in Paris kennen gelernt. Seit einem Jahr versuchen sie ihr Glück auf der Insel. Katharina sehnt sich nach ihrer schönen Wohnung in Berlin und ihrem gutbezahlten Job als Kunstlehrerin. Die meisten Wohnungen werden möbiliert vermietet, dementsprechend sieht die Wohnungseinrichtung aus. Im Juni werden sie wieder zurückgehen. Man braucht eben Zeit für die richtigen Kontakte und Jobs. Der Verzicht auf einige Annehmlichkeiten bringen andere schöne Erfahrungen, wenn man ins Ausland geht. Alles haben geht eben nicht. Die Insel ist eben doch kein Paradies.

Auch hier feiern wir so etwas wie eine kleine Berlinale. Der 6 Mio. Euro Film »Oscar« zeigt das Leben des Surrealisten Oscar Dominguez, der bekannteste Surrealist aus Teneriffa. Die Kanarischen Bananen machten es möglich, dass er in Europa studieren konnte und Bekanntschaft mit André Breton und der Surrealistengruppe in Paris machte. Ein roter Teppich wird ausgelegt und die geladene Highsociety, oder alles was über der üblichen Einkommensgrenze liegt, lässt sich auf dem roten Filmteppich feiern. Politiker aller Parteien, Unternehmer, der ehemalige Präsident mit seiner Frau. Oder ist es seine Freundin?

In unserer Wohnung gibt es immer wieder Bewegung. Der Wohnungsbesitzer rief persönlich an, das ist kein gutes Zeichen. Zwei Wochen später rief sein Anwalt persönlich an. Wenn die fehlenden 1500 Euro bis zum 24. März bezahlt werden, ist alles in Ordnung. Eine Monatsmiete und Wasser /Müll von einem Jahr. Marcel ist immer noch nicht aus Kuba zurück. Ich bereite mich seelisch schonmal darauf vor, die Wohnung zu wechseln. Wenn das alles nur nicht so teuer wäre. Eine Einzimmerwohnung im Zentrum von Santa Cruz kostet ungefähr 400 Euro. Bei meinem unsicheren Gehalt ist das eine Menge Geld. Alleine wohnen ist für mich mittlerweile Luxus geworden. Auch in Deutschland.

Nachdem die 60zigjährige Ana aus Italien ausgezogen ist, wohnt jetzt seit einigen Tagen Milagro bei uns. Dummerweise hat sie dem Wohnungsbesitzer unvorbereitet die Tür geöffnet. Sie wußte von nichts und viel aus allen Wolken. Jetzt ist sie zu recht sehr besorgt und schaut sich sofort nach einer neuen Wohnung um. Das ist in diesem Jahr die fünfte Person. Dieses Zimmer hält keine Mitbewohner. Milagro ist um die fünfzig und hat ihren Sohn neben Studium und Arbeit alleine großgezogen. Sie findet keinen Job in ihrem Bereich, deshalb versucht sie jetzt auf der Straße für das Rote Kreuz Mitglieder zu werben. Das Geld reicht gerade so, eine Wohnung für sich kann sie sich nicht leisten. Hier in Spanien gibt es keine Sozialhilfe. Wenn das Arbeitslosengeld ausläuft, muss jeder Job angenommen werden. Ohne Partner oder Familie bleibt einem nur noch die Zweckgemeinschaft übrig, wenn das Geld für die Miete fehlt. Schon alleine deswegen ist es eine Überlegung wert sich einen Partner zu suchen.

Ana Oramas, die Bürgermeisterin von La Laguna macht Wahlkampf in der Calle Castillo/Santa Cruz. Das ganze Medientross stürmt die Geschäfte in der Fußgängerzone. Filmkameras, Journalisten, Fotografen. Und wie fanden sie die Debatte gestern? Die Verkäuferinnen lachten schüchtern und lobten ihre Rede. Sie kann mit den Leuten auf der Straße und besonders mit den Älteren. Sie verteilt Postkarten mit ihrem Portrait an die Leute und unterschreibt mit einem goldenen Stift. Etwas sehr Kostbares. Und vergisst nicht, mich in den Kongress zu wählen! Eine arme Frau, die sich keine neuen Zähne leisten kann ist beeindruckt von ihr. DIe Bürgermeistern hat mich persönlich mit Kuss begrüßt! Das reicht den Wahlkampf zu gewinnen. Politik ist für die meisten Leute abstrakt. Aber eine persönliche Begrüßung bleibt in Erinnerung. DIe Autogrammkarte ist das besondere Geschenk. Gute Werbestrategie. Rajoy der Präsident der Partido Popular spielte vor zwei Tagen mit den alten Santacruceros Gitarre, und Zapatero ruft sich am Samstag noch einmal in Erinnerung. Das spanische Volk wählt am 9.März.

Santa Cruz de Tenerife im November/Dezember

Plaza Principe Paz ist ein Lichtermeer in Gelb. Neonblaue Sterne am Straßenrand, Glühbirnen formen Eiszapfen über der Fußgängerzone. Die Weihnachtsbeleuchtung ist wieder da. Fast ein Jahr auf Teneriffa. Der rote Weihnachtsstern blüht nicht nur in den Büros, sondern in allen öffentlichen Parkanlagen der Stadt. Glühwein und Handschuhe gehören hier nicht zur Weihnachtsausstattung.

Taganana
Sonntagsausflug weit weg von Stadt und Arbeit. Hier kann mich niemand über Handy erreichen. An der Küste steigt blauer Nebel vom Meer hinauf. Die bizaren Berge, die klare Luft. Vom Berg aus sehen die Wellen nicht so hoch aus, doch die Menschen darin sehr klein. Untertauchen in den weißen Wogen des Meeres. Im Winter ist der Strand leer und die Meeresströmungen sind gefährlich stark. Ich schwebe auf der blauen Meeresoberfläche bis zum Horizont. Eine Welle nach der anderen. Plötzlich taucht eine grüne Wasserwand vor mir auf. Ich schwimme hindurch. Die Strömung zieht mich in die Tiefen bis zum Grund. Kaum die frische Luft geatmet, steht die nächste grüne Wasserwand dröhnend vor mir. Wieder Luft geholt mit Salzwasser im Mund, donnert die nächste Wasserwand über mich. Ich schwimme so schnell ich kann, das Ufer ist nicht weit, aber endlos für mich. Die Kraft des Meeres entwickelt unbekannte Energien in mir. Im weissen Strudel schwimme ich weiter, bis die dritte Welle mich erfasst. Keine Zeit zum Atmen. Einmal das Meer berührt und ich fühle mich lebendig. DIe Angst, das Adrenalin, atemlos gelange ich ans Ufer und fahre zufrieden nach Hause.

Wie wäre wohl das Leben auf dem Land? Weit weg von Stadt und den immer gleichen Geschäften. Frische Luft und Erde unter den Füßen. Ich sehne mich nach etwas Regen und schlechtem Wetter. Die Gewohnheit sitzt tief in der Seele. Wenn die Sonne täglich scheint fehlt mir etwas. Der Kopf sucht ständig nach Veränderungen. Oder eine ausgewogene Mischung aus Veränderung und Alltag. Auch in meiner Arbeit bin ich mittlerweile angekommen. Die Langeweile hat mich. Es geht nicht mehr weiter. Keine Anreize. Immer die gleichen Fototermine. Und dasselbe schlechte Gehalt. Wenn ich abends um 21.00 zum Auditorium geschickt werde, und ich keine Fotos mehr machen kann, weil das Konzert schon angefangen hat, dann frage ich mich warum ich das alles mache. Die Zeit umsonst, kein Geld. Habe nichts besseres zu tun.

Ein Fototermin in der Umarmungstherapie. Nicht ich umarme dich, weil ich dich liebe, sondern ich liebe dich weil ich dich umarme, das ist das Motto einer Therapeutin. Die Teilnehmer sitzen auf dem Boden in einem Kreis und besprechen ihre Erlebnisse. Ich fotografiere einige Leute und gehe nicht, ohne dass mich ein voluminöser Mann in die Arme nimmt. Ich versinke in weicher Körpermasse. Alle klatschen als ich mich verabschiede. Das Foto habe ich in meiner Zeitung nie gesehen. Aber umsonst war ich nicht dort. Es ist nichts umsonst. Diese Umarmung hat mir neue Energien gegeben.

Die Bar mit einem Café solo oder Barraquito, dass sind die wenigen privaten Minuten, die ich mit meinen Fotokollegen verbringe. Eine Pause, eine kleine Geschichte, der Arbeitsfrust, Neuigkeiten, Klatsch und Tratsch.

Ich freue mich das erste mal auf Deutschland. Deutschland als Urlaubsland zu erleben. Die schneidende Dezemberkälte, die gedämpften Farben, das Braun und das Grau der Landschaften. Meine Wohnung, die nicht mehr meine Wohnung ist. Meine Freunde, die meine Freunde bleiben, egal wo ich bin.

Sitze auf meiner bunten geblümten Tagesdecke aus Marokko, made in China. Höre Madonna und warte auf etwas was ich nicht kenne. Arancha macht sich schick für die Nacht. Diesmal mit neuen weissen Stiefeln für 22 Euro, einem schwarzen Minirock und hautfarbenen Nylonstrümpfen. Ich esse Abendbrot mit Osman, dem Afrikaner. Osman kam vor 6 Jahren mit leeren Händen nach Teneriffa. Wie er es nach Europa geschaftt hat, darüber spricht er nicht. Er hat hier spanisch als Analphabet gelernt. Eine Schule hat er in Guinea Conakry nie besucht. Ich versuche mir die Welt eines Analphabeten aus Guinea Conakry vorzustellen. Das Internet sagt, 1 % der Bevölkerung hat Abitur und kann studieren. Ein Prozent! Osman arbeitet seit sechs Jahren als Bauarbeiter. Er hat sich eine Eigentumswohnung gekauft. So wie alle Spanier.Der Blick auf führt auf die Autobahn, dahinter das Meer. Die Ölraffinerie verbreitet je nach Wetterlage stinkende Luft. Osman sitzt in seinem beigefarbenem Anzug auf seiner braunen Couchgarnitur aus den 70ziger Jahren. Jetzt ist er in Europa angekommen.

Mittwoch, 28. November 2007

Santa Cruz de Tenerife im Oktober

Die gelben Chrysantemen blühen. Es ist Herbst. In den Schaufenstern wird die neue Winterkleidung präsentiert. Braun und Lila sind die neuen Modefarben. Warme Winterstiefel, Pelzjacken und Wollpullover werden auch hier verkauft. Der Kalima bringt uns heiße Luft aus Afrika und schwüle 30 Grad.

Maria Elena, die Kubanerin ist jetzt meine beste Freundin in der La Gacetta. Eine Deutsche und eine Kubanerin. Die Welt ist klein und Santa Cruz ein Dorf. Sie erzählt ihre intimen Geschichten im Schlagzeilenstil. Mein Privatleben wird plötzlich öffentlich, da ich keine Kontrolle mehr habe und doch bleibt vieles an der Oberfläche wie ein stiller See. Private Geschichten erfahre ich auch nicht von meinen Fotografenfreunden. Geschichten die man sich nur zu zweit erzählt. Pepe ist für mich ein weisses Blatt. Ramon´s Leben sehe ich schemenhaft vor mir. Abel´s Leidenschaft ist die Fotografie. Alex ist der einzige der mir zwischen den Fototerminen Bruchstücke aus seinem Leben erzählt. Ich möchte die Vergangenheit eines Menschen kennenlernen, um ihn besser zu verstehen. Die Eintrittskarte zu einer Freundschaft.

Die La Gacetta soll nächstes Jahr noch vor den Wahlen mit 80 Seiten erscheinen. Der Inhaber unterstützt die PSOE, El Mundo ist PP. Dann haben wir eine Zeitung mit rechten und linken Parteien in einem. Was tatsächlich geschieht, weiss kein Mensch. Dann soll es auch Verträge für die Fotografen geben. Sozialversicherung, 45 Urlaubstage, zwei Tage frei in der Woche und ein Gehalt von 1500 Euro netto. Das erscheint mir wie ein Paradies. Der einzige Fotograf mit Vertrag ist Santi, ein enger Freund des Direktors. Er steht jetzt an erster Stelle. Ich arbeite immer noch für 5 Euro pro veröffentlichtes Foto. Bei diesen Bedingungen merke ich, wie lange ich schon unterhalb der Armutsgrenze lebe. Ich bin es gewohnt wenig Geld auszugeben. Für den Kapitalismus wäre es besser etwas mehr Geld auszugeben. Und das Ziel, mehr Geld zu verdienen. Wo ist die Grenze des einfachen Lebens? Zum Leben braucht man kaum etwas. In Mauretanien ist der Kapitalismus weit entfernt. Dort braucht man nur das nötigste zum Leben. Hier sind es andere Dinge die zählen. Wie lange kann man ein Kleid tragen, bis man aus der eigenen Gesellschaftsschicht ausgeschlossen wird? Ein Kleid könnte fast ein ganzes Leben nützlich sein. Also warum ein zweites kaufen? Wenn kein Geld für Restaurants, Ausgehen, Kino oder Urlaub da ist, bleibt man allein. Arbeiten wir um nicht allein zu sein?

Sich niederlassen, Teneriffa als meine neue Heimat betrachten, das kann ich bei diesen Bedingungen noch nicht. Ich bin immer noch auf der Durchreise. Wenn ich morgen meinen Koffer packe, kann ich innerhalb 24 Stunden an jedem Ort der Welt sein.

Geschmackvoll eingerichtete Wohnungen, die zum Bleiben einladen, ein grauer Himmel der Regen verspricht, ein intensives Gespräch mit Freunden, das alles habe ich eingetauscht gegen Sonne, Strand und immer gleich gelaunten Menschen, so wie die Lufttemperatur: konstante 24 Grad.

Immer wieder die Frage: was bedeutet Heimat? Wenn ich einen Schneebesen in der Küche habe und einen Kuchen backen kann? Wenn die richtige Tasse und das passende Besteck auf dem Tisch serviert wird und ich Gäste einladen kann? Ich kann mir mittlerweile jeden Ort auf dieser Welt vorstellen. Ortlos durch die Welt ziehen.

Santa Cruz im September

Alle singen auf spanisch »hasta luego cocodrilo«. »See you later aligator« Im Puerta Verde wird der Todestag von Elvis gefeiert. Die Spanier übersetzen alles zum Mitsingen. Der ganze Laden tanzt und ist im Elvisfieber.

»Der Pianist« von Roman Polanski im spanischen Fernsehen. Wie unterschiedlich beide Kulturen. Osteuropa.
Ich spüre meine Herkunft, das blasse Licht, die Kälte, die Gesichter. Da komme ich her, diese Umgebung haben eine Vertrautheit die der Süden nie für mich sein wird. Was bedeutet eigentlich Heimat? Wenn man die Angewohnheiten der Menschen angenommen hat, oder versteht? Wenn man eine Familie gedründet hat? Oder nicht mehr das Bedürfnis hat woanders hinzureisen? Wenn man akzentfrei den Dialekt spricht? Wenn die Leute sagen, jetzt bist du eine von uns? Wenn man die Witze versteht? Wenn ich mir keinen anderen Ort auf der Welt vorstellen kann? Wenn ich eine Liebe gefunden habe? Oder Kinder in diesem Land geboren habe? Oder wenn ich auch Steuern zahle, so wie alle anderen auch und die Vergünstigungen der Canarios bekomme?

Nach zwei Wochen Mauretanien öffne ich die Tür meiner Wohnung in der Calle Porlier und eine neue Frau sitzt zwischen Kisten und Koffern auf der durchgesessenen Couch im Wohnzimmer. Daneben ein kleiner weißer Flokatihund. Der wohnt jetzt etwa auch hier? Ich bin allergisch gegen Tierhaare. Mein erster Gedanke: die neue Freundin von Marcel? Marcel fliegt morgen nach Kuba. Er will jetzt ein neues Leben beginnen. Alte Computer in Kuba verkaufen. Kleider aus Miami über die Dominikanische Republik schicken. Reisen. Er liebt das Reisen und die Unabhängigkeit. Seine Seemannszeit war die glücklichste in seinem Leben. Sagt er. Das einzige was von Esther, seiner ehemaligen Freundin, bleibt sind die Erinnerungsfotos am Wohnzimmerschrank. Mal sind sie weg, mal hängen sie wieder dort. Je nachdem wie das Gespräch mit ihnen gerade gelaufen ist.

Die neue Mitbewohnerin heißt Elba und kommt aus Guatemala. Sie verschweigt ihr Leben in Malaga. Zufrieden sei sie, sie brauche keinen Freund. Das erscheint mir seltsam. Einerseits bewundere ich ihre Unabhängigkeit, aber ich glaube ihr nicht. Das wäre der erste Mensch, der sich nicht nach einer Zweisamkeit sehnt. Die Geschichten entfalten sich mit den Tagen. Ihr Freund heißt Frank und ist aus Kiel. Sie wird im Oktober nach Malaga zu ihm ziehen. Teneriffa gefällt ihr nicht. Die Unternehmen nutzen die Arbeiter aus und alles ist teuer. Auf der spanischen Halbinsel sei die Lebensquilität besser. Frank hat sie im Fahrstuhl zwischen der zweiten und fünften Etage kennengelernt. Seitdem sind sie zusammen. Das war vor drei Jahren. Wegen Ihrer Schwetser kam sie nach Europa. Vier Jahre hat sie ihre Heimat nicht gesehen. Und ihre Schwester wohnt mit ihrem Ehemann in Norwegen. Ein kaltes Land wo die Leute nur zu Hause sitzen und studieren. Elba träumt von Guatemala. Von der Vielfalt der Früchte, den Menschen und dem tropiscchen Klima.

Gegen Abend ist Arancha perfekt geschminkt. In rosa und grün. Kurze weisse Hotpants mit pinkfarbenen Cowboystiefeln und hautfarbene Nylons. Ihr Leben findet nachts in den Bars statt. Ich weiss nicht wann sie schläft. Ab und zu bringt sie einen Afrikaner mit nach Hause, der am frühen morgen wieder verschwindet. Am späten morgen geht sie müde zur Arbeit.

Maria Elena, eine Kubanerin arbeitet in der La Gacetta und gibt mir vertrauliche Ratschläge. Immer schön freundlich sein, den Chef nicht zuviel belästigen. Keine Scherereien machen. Der Canarier sei ein Feigling und spreche die Dinge nie klar aus. Gestern hat ein Redakteur meine Fotos an zwei verschiedene Zeitungen herausgegeben. Ein Gefallen zwischen Redakteuren, wenn ein Foto fehlt. Die Rechte haben nicht die Fotografen. Ich sage wie es ist, und das sowas in Deutschland unmöglich sei. Aber ich bin hier auf Teneriffa und nicht in Deutschland und wenn ich überleben will, muss ich mich anpassen. So ist das. Ich werde hier nichts ändern und die einzige Möglichkeit ist, zu gehen. Ich sehe meine Arbeit als Berufserfahrung. Gibt es ein Leben nach der La Gacetta? Die Möglichkeit in einer Fotoagentur zu arbeiten?Teneriffa zu verlassen?

Die Politiker reden, ob jemand zuhört oder nicht, das ist egal. Lopez Aguilar porträtiert Spinola als Comic, andere Telefonieren, andere schlafen oder schauen gelangweilt in die Gegend, während ein Politiker am Rednerpult mit vielen Gesten seine Meinung verkündet. Alles ein Spiel. Sie werden für die Reden bezahlt.

Es gibt Neuigkeiten in der »La Gacetta«. Der Besitzer hat gewechselt. Vom ehemaligen Boxer zu Hernandez, ein ehemaliger Ringkämpfer. Der neue Direktor arbeitete vorher bei der Konkurrenz »El Dia«. Die Leute reden viel. Es gäbe Verträge für alle Fotografen, bezahlter Urlaub, geregelte Arbeitszeiten und ein Redakteurengehalt. Ein Traum. Und ich mitten drin? Jetzt wollen alle bei der »La Gacetta« arbeiten. Ab nächstes Jahr erscheint die Zeitung ohne »El Mundo« Bleibe ich jetzt doch auf Teneriffa?

Dienstag, 9. Oktober 2007

Santa Cruz Februar

Sonntag mittag. Ankunft in Santa Cruz. Das soll also jetzt meine zukünftige Stadt sein. Ein Blinddate. Ich habe mich für eine mir unbekannte Stadt entschieden. Die Straßen sind leer. Ich kann die Geschäfte hinter den geschlossen Jalousien nur erahnen. Sonntagnachmittagstimmung. Unentschlossen schaue ich mich auf dem Busbahnhof um. Welche Richtung? Wo ist das Meer? Die Stadt? Ich frage mich durch. Ein Koffer, ein Rucksack und eine Handtasche können auf Dauer ganz schön schwer werden. Ich lande in der Pension Casablanca. Steile Treppen bis zum Dach. Eine kleine Box, mit einem Bett, ein Waschbecken und eingebautem Schrank. Ein Fenster mit Ausblick zum Gang. Erleichtert stelle ich meine Koffer ab. Ruhe. Bin ich angekommen? Wie lange werde ich hierbleiben?

Ich schaue mir mehrere Zimmerangebote an. Die meisten Wohnungen sehen ähnlich aus. Die Tür geht auf und ich stehe im Wohnzimmer mit Möbel Höffner Ambiente, dann die Küche, ein langer Gang und mehrere kleine Zimmer. Die 3x3 m Zimmer mit Blick in einen dunklen Schacht sind wie kleine Kinderzimmer. Ein Bett, ein Regal, ein Schrank. Schräg hängende Poster von verschiedenen Stars würden hier gut hineinpassen. Mein Verlangen nach Ausblick und Sonne teilen die Spanier nicht mit mir.

Santa Cruz gefällt mir. Trotzdem fühle ich mich wie ein gestrandeter Immigrant. Ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne Freunde. Mein Handy wird zur wichtigsten Sache der Welt. Mit Menschen zu sprechen, die mich kennen und schätzen, geben die Bestätignung der Existenz. Ich denke an die gestrandeten Afrikaner, mit Blick nach vorne und nie zurück. Verbunden mit ihrer Heimat durch das Mobiltelefon.

Durch meine Zimmersuche lerne ich die Stadt kennen. Ich entscheide ich mich für die Calle Porlier. Zentral gelegen, 200 Euro im Monat, dritte Etage, immerhin liegt das Zimmer zur Straße hinaus. Mit Blick auf ein braunes Gebäude der Telefonica aus den Siebzigern. Ich brauche die Stimmen von draußen, um meine eigenen Gedanken zu bewegen. Marcel und Esther sind nun meine neuen Mitbewohner. Santa Cruz c/Porlier 39, 3° izda

Die ersten Tage ist mir nicht so richtig klar, wer hier wohnt. Eine Spaniern begrüßt mich. Wohnst du hier? Nein ich bin die Freundin von Fernando. Dann steht plötzlich ein älterer Mann vor mir. Guten Tag, ich bin gerade aus Kuba angekommen, der Vater von Fernando. Eine Brasilianerin, die Freundin von Shirley, die nun tatsächlich hier wohnt. Am nächsten Tag liegen Schlüssel auf dem Tisch. Der Kubaner ist ausgezogen. Dafür wohnt jetzt eine Spanierin in seinem Zimmer, die ich so gut wie nie sehe. Jetzt ist etwas Ruhe eingegehrt. Nur noch der Freund von Shirley ist ab und zu Gast in dieser Wohnung. Shirley kommt aus Venezuela, hat zwar noch keinen Job gefunden, dafür einen Lover aus dem Internet. Sie schaut den ganzen Tag fernsehen, hat sich jetzt einen TV für ihr Zimmer von Marcel kaufen lassen. Esther und Marcel, die Eigentümer der Wohnung, kommen immer spät abends nach Hause, essen Berge von Fleisch und gehen dann ins Bett. Denn morgens um 4.00Uhr beginnt der nächste Tag.

Heute ist Samstag. Habe mit Esther die Wohnung gemeinsam geputzt. Putzen und Arbeiten, das ist ihr Leben. In der Woche arbeitet sie als Haushälterin für einen Architekten. Damit verdient sie 600 Euro pro Monat. 200 Euro schickt sie ihrer Familie nach Ecuador. Bleiben noch 400 Euro. Für Miete muß man mindestens 200 Euro rechnen. Bleiben noch 200 Euro zum Leben. Für den Flug nach Hause wird eisern gespart. ein Job reicht nicht dafür nicht aus. Immigranten aus Bolivien arbeiten für 300 Euro im Monat. Oft die einzige Arbeit, die viele Ungelernte ohne Papiere bekommen. Essen inklusive. Viele leben zu fünft in einem Zimmer, das reduziert die Miete. Alles ist besser als im Heimatland selbst. In Ecuador verdient man im Haushalt 70 - 100 Dollar im Monat. Ein Zimmer kostet 20 Dollar. Das Geld, das im Ausland verdient wird, ist viel wert. Doch Esther ist jetzt nicht merh illegal im Land. Die beiden sind verheiratet. In Spanien ist Südamerika plötzlich ganz nah.

Sonntagsausflug. Das ist der einzige Tag, an dem Marcel und Esther nicht arbeiten. Wir fahren gemeinsam mit einem großen silbernen Jeep zum Teide. Da soll noch Schnee liegen. Mit der Seilbahn hoch, der eisige Wind, die Sicht in den blauen Himmel, unter uns ein Wolkenmeer, Gran Canaria, La Palma in der Ferne. Schnee wird plötzlich zum begehrten Objekt. Marcel war früher Seemann, seine glücklichste Zeit im Leben. Jetzt betreibt er mit einem Partner einen Fleischgroßhandel und verkauft morgens von 4.00 -8.00 Uhr auf dem Großmarkt. Dann geht er in sein Lebensmittelgeschäft. Viel verdient er dabei nicht. Die Leute sind wählerisch geworden und kaufen nur das Billigste. Die internationalen Supermärkte bestimmen den Markt. Einmal die Woche geht er zu seinem Metaphysischen Club. Er glaubt an Ausserirdische und Ufos. Bald will er mit Esther nach Ecuador gehen und dort eine Fleischerei aufmachen. Alles andere ist besser als hier. Überall auf der Welt geht es Leuten so, wie mir in Berlin. Der Ort ist egal. Wenn der Stillstand eingetreten ist. Die Welt, ständig in Bewegung.

Mein erster Samstagabend in Santa Cruz. Ich habe Lust auf Tanzen. Der Versuch beginnt im Tao, die nächste Diskothek in meiner Nähe. Vor 1 Uhr brauche ich gar nicht aus dem Haus zu gehen. Ich fühle mich wie 15. Lassen mich die Türsteher rein? Diesmal nicht weil ich zu jung bin, sondern weil ich vielleicht zu alt bin. An der Theke stehen alle Altersgruppen mit tiefen Decoltés. Die Einrichtung erinnert mich an meine ersten Diskothekenbesuche als ich 15 Jahre alt war. Nichts hat sich geändert. Heute bin ich gelangweilt, die Musik ist schlecht. Damals war es das Größte überhaupt.

Ich pflanze Geranien in leuchtendem Pink vor meinem Fenster und warte auf Regen. Bin eben eine Nordeuropäerin. In Puerto Cruz, wütet der Sturm, der Regen, das aufgewühlte grüne Meer hebt meine Stimmung.

Das Gefühl, auf einem bewegten Schiff zu stehen. Die kleinen Unterschiede des Alltags.

Hier wird anders gespült, zuerst das Geschirr mit viel Schaum einseifen, dann unter klarem Wasser abspülen. Das spanische Fernsehen zeigt noch mehr Werbung, ich schaue jetzt abends Buena Fuente, das gleiche Format wie Harald Schmidt.
Ich staune über die Ähnlichkeit. Sogar die Gesten gehören zum Format.

Ich freue mich über den seltenen Regen.

Das Baguette ist vorzüglich, aber durch das deutsche Brot nicht zu ersetzen.

Gestern den halben Tag im Carrefour verbracht. Ein französischer Konzern, ein Riesensupermarkt. Ich stehe vor endlosen Regalen und weiß nicht was ich wählen soll. Bin überfordert mit dem Angebot. Denn alles ist teuer. Dann werde ich noch zum rechnen gezwungen. Kaufe zwei und das dritte kostet dann 0,60 cent. Ist das tatsächlich billiger? Alles muß doppelt gekauft werden. Konsumterror. Ich vermisse die Discounterläden und bemerke wie günstig Deutschland mit Lebensmittelpreisen ist. Oder wie teuer Spanien ist. Immerhin ist der Milchkaffe sehr günstig.

Es werden Unmengen an Plastiktüten verbraucht.

DIe Wohnungen sind dunkler, die Schlafzimmer klein.

Ich staune über die tiefen Ausschnitte der Frauen auf der Straße und im Fernsehen. Hochhackige Dominaschuhe, stark geschminkte Gesichter mit tiefen Ausschnitten im Parlament, in der Verwaltung, die Verkäuferinnen, Frauen auf der Straße. Für meine Berliner Auge etwas ungewohnt ordinär.

Die meisten Wohnungen werden möbiliert vermietet. Mit schlechtem Geschmack.

Die Arbeitszeiten von 9.00-14.00 Uhr und 17.00-20.00 Uhr. Es wird sehr spät gegessen.

Das Gehalt ist niedriger.

Aber: die lachenden Gesichtern, die Sonne, das Licht, das Meer, der Hafen mit den Containerschiffen und die Landschaft!

Wieder ist Sonntag. Ich fahre nach San Andres, zum schönsten Strand der Insel. Gelber Wüstensand aus der Sahara vor 30 Jahren aufgeschüttet. Ein Wachmann erzählt von Skorpionen und Schlangen, die plötzlich am Strand waren. Mitbringsel aus der Sahara. Bald wird dort ein Hotel gebaut. San Andres, ein kleines Dorf 15 Minuten von Santa Cruz entfernt. José, der Wachmann erklärt mir, wo die Deutschen wohnen. Dort ein Politiker, dort ein Astrophysiker, die Kanaren haben die besten Observatorien der Welt. Das Institut Potsdam ist hier stark vertreten. Zum Abschied spricht er mich auf meine neue Kette an. Die heilige Carmen, Schutzengel der Seeleute! Damit bin ich immer gut angesehen. Ich habe mir den kleinen Anhängsel in einem Reliqiuenladen gekauft, ohne zu wissen was drauf ist. Ich wußte, die Kette passt zu mir.

In Puero de la Cruz sehe ich schon mehr Touristen als in Santa Cruz. Dafür gibt es deutsches Brot. Auch Heidi´s Wanderclub für Senioren und wenig geübte Wanderer, oder Christianes einzigartige Wandertouren, unterwegs mit dem Linienbus können hier gebucht werden. Einen unvergesslichen Tag in freier Natur, mit viel Spaß und Freude erleben, abseits vom Trubel und Lärm. In der Tat, wandern kann man hier wirklich sehr gut.

Sehe durch Zufall ein Schild mit einer Fotoagentur. Sie brauchen einen Fotografen. Mein erster Auftrag fällt ins Wasser. Ich sollte den Bürgermeister mit den Karnevalsköniginnen im Park fotografieren. Das wurde wegen des schlechten Wetters abgesagt. Ich bekomme 15 Euro pro Auftrag. Bis jetzt haben sie sich nicht wieder gemeldet.

Meine Bewerbungen laufen. Bei Zeitungen und Grafikagenturen. Ich habe den europäischen Magendarmvirus und übergebe mich nach einem Vorstellungsgespräch ein der Kasse eines Supermarktes in die Hippodino-Plastiktüten hinein. Ich entschuldige mich, werfe die vollen Plastiktüten in den Müll und lege ich mich zu Hause ins Bett.

Die Welt der Fotografen ist klein. Acfipress kennt Oskar, der für Canaryinfo arbeitet. Ich erzähle, das ich ein Foto bei El Mundo veröffentlicht habe. Christinas Gesicht erhellt sich. El Mundo? Gacetta de Canarias, ein Teil von El Mundo sucht seit einiger Zeit einen Fotografen. Ich stelle mich sofort bei dem Chefredakteur vor. Marcos, Anfang dreißig, sitzt vor mir in einem schwarzen Chefsessel, mit abgekauten Fingernägeln. Ein junges Team, das gut zusammenarbeitet. Ich bin eingestellt. Wenn die wüßten das ich Anfang 40 bin. Das heißt, ich arbeite jetzt auf freelancebasis täglich für die Zeitung und bekomme pro Foto vier Euro. Ich sehe es als Praktikum, lerne viel dabei und kann mir ein Netz aufbauen. Solange ich irgendwie davon leben kann. Das stellt sich noch heraus. Als Grafikerin würde ich 800 - 900 Euro pro Monat verdienen. Auch nicht viel mehr.

Santa Cruz hat auf mich gewartet. Mein erster Job für die Gacetta de Canarias:
Eine eingestürtze Mauer. Die Nachbarn klagen die Stadt an. Einen Schauspieler im Theater, der Direktor des Sinfonieorchesters Köln, verschiedene politische Pappnasen, spanische Spitzensportler auf dem Teide, eine Demonstration gegen das Verbot, auf der Straße zu feiern. Pressekonferenzen, den Präsidenten der Kanaren, wieder ein Politiker, der gerade abgedankt hat. Es ist immer wieder eine Herausforderung, die Situation schnell in ein gutes Bild umzusetzen. Und momentan genau das Richtige! Ich treffe immer wieder die selben Fotografen, der anderen Zeitungen. Es ist ein freundlicher Umgang. Ramon arbeitet für die Agentur Efe und ist auf Teneriffa ständig unterwegs. Mir gefallen seine Fotos. Alex hat vorher für die Gacetta gearbeitet und ist jetzt Acfi-Press, die erste und einzige Fotoagentur auf den Kanaren, die es seit einem Jahr gibt. Alle kennen sich gut. Bei einem Volleyballspiel treffe ich Javier. Er ist eigentlich Tänzer und arbeitet schon seit Jahren für eine Zeitung als Fotograf. Doch das Geld reicht nicht. Nebenbei fährt er Taxi. Jetzt würde er gerne wieder Tanzunterricht geben. Immer wieder etwas Neues machen.

Gestern Pressekonferenz zur Kampagne Kondome zum Karneval. Es werden 150.000 Kondome verteilt. Gegen Aids und ungewollte Schwangerschaften. Der Karneval beginnt am 14. Februar. Heute ist die Karnevalskönigin gewählt worden. Elisabet Garcia, 21 Jahre. Die Hoffnung auf eine Modelkarriere oder Filmschauspielerin ist groß. Oder einfach einmal Prinzessin sein! Doch nach Karneval ist der Alltag wieder grau. Die Kinderkönigin ist schon gewählt. Ein 5 jähriges Mädchen. Die älteren Damen, des sogenannten 3. Alters dürfen auch mitmachen.

Die jungen Mädchen sind umgeben von drei Meter hohem Tüll, Pailletten und Federn. Das ganze Phantasiegebilde gleitet auf Rädern über die Bühne. Wie eine Puppe winken die Mädels den Zuschauern zu. Die Kostüme kosten ein Vermögen zum wegwerfen. 8000 Euro. Gesponsert von verschiedenen Firmen. Elisabeth Garcia hat das Phantasiebild Miss Dior und wird von der Diagruppe gesponsert. Eine reine Werbeveranstaltung. Am nächsten Tag fotografiere ich die frisch gewählte Karnevalskönigin 2007. Journalisten erzählen über den peinlichen Galaabend. Es gibt viel Diskussion über den Organisator und ausserdem, viele Canarios haben keine Lust mehr auf Karneval. Immer wieder das Gleiche.

Freitagabend ist der große Karnevalsumzug. Man sagt, es sei der größte Karneval nach Rio. Das finde ich etwas übertrieben. Ich fotografiere bunte Federn, Glitzer und kurze Röckchen. Allen voran, der Wagen mit der Karnevalskönigin, La Reina, in schwarz und silbernem Neonlicht. Sie kann es kaum glauben. Ihr Kindheitstraum ist in Erfüllung gegangen. Alle winken ihr zu! Sie ist heute die Schönste! Ein Traum! Wie sehr hat sie dafür gearbeitet! Die Menschenmenge am Straßenrand rufen ihr wild gestikulierend »guapa - Schöne«zu.

Die Männer verkleiden sich als schwangere Frauen in Kittelschürzen, amerikanische Soldaten oder Badetouristen. DIe Frauen bevorzugen Polizistenuniforme in kürzen Röckchen oder bunte Perücken mit Federboa. Viele tragen innerhalb einer Gruppe das gleiche Kostüm. So verliert man sich nicht im Gewühl. Abends laufen mir vier weiße männliche Bräute entgegen. Mit Schleier, Blumenstrauß und alles was dazugehört. Der Gang passt so gar nicht zum weißen Kleid. Die Kinder laufen als Prinzessinen, Krokodile oder Batman durch die Straßen. Am nächsten Tag erscheint mir alles wieder normal. Köln scheint mir da heftiger zu sein. Aber der Höhepunkt kommt ja noch. Am Dienstag ist der zweite Umzug.

Die Woche ist wieder vorbei. Sonntag. Es ist immer noch Karneval. Diesmal mache ich einen Ausflug nach Anaga. Das Gebirge im Norden der Insel. Während ich auf den Bus warte, kommt mir ein Rentner mit blonder Lockenperücke, silbernen Wimpern und langem weißen Kleid entgegen. So eine Art Prinzessinnen Look. Die Schulter und die Haare sind mit einer goldenen Kordel verziert. Der rote Lippenstift etwas verschmiert, er ist ja auch schon seit zwei Tagen unterwegs und hat nur drei Stunden geschlafen. Angel fährt zu Mama Afrika, eine Bar auf der anderen Seite der Insel, um dort mit Freunden zu singen. Passanten gratulieren ihm zu seinem schönen Outfit. Ansonsten bemerke ich nicht viel vom Karneval. Nach meinem Spaziergang treffe ich die Rentnerprinzessin mit dickem Bauch in der Bar Mama Afrika. »Ah, meine deutsche Freundin! Komm zu uns!« Zwei Gitarrenspieler und der ganze Tisch singt mit. Ich werde zum Kaffee eingeladen und muss mit Prinzessin tanzen. Um 18.15 h fahren wir gemeinsam mit dem Vorletzen Bus nach Santa Cruz. Er weiter auf Piste, ich nach Hause.

Montag kaufe ich mir eine Federboa zum feiern. Vielleicht finde ich ja doch noch jemand, der mit mir auf Piste geht. Meine Mitbewohner sind zu müde. Und ich liege leztendlich krank im Bett. Habe auch den zweiten Umzug am Dienstag für die Gacetta fotografiert. Nun kommt meine Federboa doch noch zum Einsatz. Sehr sInnvoll gegen meine Halsschmerzen. Ich bin total erkältet und so gar nicht in Karnevalsstimmung. Am Mittwochabend wird die Sardine verbrannt. Alle sind diesmal in schwarz kostümiert. Männer in Frauenkleidung mit großen Dildos und aufgeblasenen Busen. Karneval besteht eben aus Alkohol und Sexmöglichkeiten. Das ist hier nicht anderes als in Köln. Ich habe beides ausgelassen.

Mein spanischer Alltag sieht nun so aus:
Aufwachen, die Termine per sms von Marcos, dem Chefredakteur, lesen, Fotos machen, ich mache alles zu Fuß. Mit Auto hat in der Innenstadt keinen Sinn. Bis jetzt habe ich drei bis vier Termine. Fotos schicken, im Internetcafe sitzen und abends fernsehen schauen. Gleich kommt Doktor House, eine amerikanische Serie. Gut zum Spanisch lernen.

Santa Cruz im März

Meine Seele ist jetzt auch in Santa Cruz angekommen. Ich bin nicht mehr krank, und habe mich in meiner neuen Welt so einigermaßen eingerichtet. Der erste Alltag stellt sich ein, Wiederholungen sind doch manchmal sehr hilfreich im Leben.

Es ist immer noch Karneval. Der Sonntag ist für die Kinder reserviert. Schwarze Batmans, rosa Prinzessinnen und grüne Krokodile bevölkern die Fußgängerzone von Santa Cruz. Die fünfjährige Karnevalskönigin sitzt zwischen einem riesigen Schloß aus Pappmaché und winkt der Menschenmasse zu. Las Vegas auf Teneriffa.

Die Marine I liegt immer noch im Hafen. Der verrostete Frachter hat die letzte Reise hinter sich. 372 Immigranten an Bord, die meisten aus Kashmir. Manche verbrachten zwei Monate an Bord. Der Eigentümer des Bootes ist unauffindbar. Der Kapitän geflüchtet. Mit Motorschaden schwamm das Schiff vor den Küsten Mauretaniens. Nach tagelangen Verhandlungen sind die meisten Reisenden in ihr Heimatland zurückgeflogen worden. 23 Menschen, die ihre Herkunft verschweigen, warten seit sechs Wochen auf eine Entscheidung im Hafen von Nuhadibu, Mauretanien. Jeder Passagier bezahlte 3000 Euro. Insgesamt brachte der verostete Fischkutter über eine Millionen Euro ein. Ein gutes Geschäft. Das verlassene Boot riecht nach Menschen, Angst und Hoffnung. Auf eine Holztafel steht der Hilferuf »Save our lives!« Ein weißes T-Shirt weht im Wind. Die letzte Reise ist vorbei. Bald wird das Boot wir im Meer versenkt.

Schwere Regenwolken ziehen tief über das bleistiftgraue Meer. Es tröpfelt langsam vor sich hin. Die Canarios packen ihre Sachen ein. Sie wissen, das wird ein starker Regen. Die Strandbar Carmelo hat noch geöffnet. Der Papagei schreit, die laute Latinomusik versetzt die Barkeeper in gute Stimmung. Es dauert nicht lange und der Regen fällt wie eine Wasserwand auf den sandigen Boden. Der Horizont verschwindet im nebligen Grau. Blitze und Donner wechseln sich ab. Die Möwen versammeln sich am Ufer. Eine Frau geht mit Regenschirm im Wasser spazieren. Mittlerweile habe ich schon mein zweites Bier getrunken und die Toiletten sind weit entfernt. Die Barfrau stellt mir einen Putzeimer hin, zaubert einen Vorhang hervor und der Ort wird zu meiner Toilette. Danach kann noch ein weiteres Bier getrunken werden.
Im Wohnzimmer finde ich ein See von Regenwasser vor. Ich fühle mich wie in einem Aquarium. Der Regen übertönt jedes Geräusch. Ein befreiendes Gefühl.

Im Mai sind Wahlen. José López Aguilar ist der neue Kandidat der Psoe (SPD). Die Coalition Canarias hat ihn als spanischen Kanarier beschimpft, weil er die Aussprache eines Festlandspaniers hat. Das c wird hier südamerikanisch ausgesprochen. Er wurde von Madrid geschickt. Kleine Buchstaben entscheiden über die Zugehörigkeit. Am Wochenende hat die Coalición Canarias sich gefeiert. Eine konservative, rechte Partei, die seit Jahren die Insel regiert. Zu ihren Errungenschaften gehört das Auditorium von Caladrava, das dreimal soviel gekostet hat wie geplant, die Straßenbahn, die keiner benutzen wird und der Containerhafen im Süden der Insel. Dieser Hafen entsteht trotz Naturschutzgesetze. Weiter geplant sind neue Touristenzentren in San Andrés. Einkaufscenter und Hotels. Man sagt, alles Korruption. Es gibt immer wieder Demonstrationen der Bewohner, die gegen den Ausbau des Teresitas-Strandes sind. »Sie wollen uns Anaga rauben!« Steht auf den Schildern.

Das Parlament, die Verwaltung, oder das Cabildo sind meine neuen Arbeitsstätten. Im Cabildo, die Inselverwaltung, erinnern realsozialistische Wandgemälde aus Francos Zeiten an DDR- oder Sowjetmalerei. Muskulöse Bäuerinnen mit Kindern, Fischer schauen während der Pressekonferenzen in die Ferne.

Auf einer Pressekonferenz wird das Thema Kommunikation vorgestellt. 2008 sollen 1400 neue Arbeitsplätze entstehen. Der Kommunikationsmarkt zwischen Afrika und Europa ist für die Kanarischen Inseln eine gute Möglichkeit Geld zu verdienen.
Andere Pressekonferenzen stellen das Thema Natur und Wanderwege auf Teneriffa vor, Rechte für Kinder, eine Schriftstellerin liest aus ihrem Buch, und oft weiß ich auch gar nicht was los ist. Mache mein Foto und gehe.

Ich schiebe mich zwischen Putzfrauen mit roten Fahnen und Trillerpfeifen hindurch und fotografiere. Die Putzfrauendemo verlangt bessere Löhne und würdigere Arbeitsverhältnisse.

Santa Cruz im Mai

Santa Cruz wird zum Alltag, die Plätze allgemein. Um 10.00 Uhr findet im Präsidium eine Tourismuskonferenz statt, zur gleichen Zeit eine Pressekonferenz in der Stadtverwaltung. 11.00 Uhr eine Demonstration gegen den Verkauf vom Teresita Strand. Die Zeit zwischen 14.00 und 17.00 Uhr verbringe ich meistens zu Hause.

Um 18.00 Uhr stellt ein Schriftsteller sein neues Buch im Corte Inglés vor. »Francos verborgener Sohn«. In der Pressekonferenz der Hip Hop Band »Public Enemy« entsteht eine Diskussion über afrikanische Immigranten. Fühlen sie sich als reiche Amerikaner mit schwarzer Hautfarbe verbunden mit den armen Afrikanern mit schwarzer Hautfarbe? Ein Immigrant aus Sierra Leone muss für die abendliche Show seinen Platz räumen. Täglich sitzt er auf einer Bank mit einer Plastiktüte und geistesabwesendem Blick. Um 20.00 Uhr spielt Tenerife Rural, das berühmte Basketball Team.

Die Redakteure der La Gacetta haben sich Eselsbrücken für meinen Nachnamen gebaut:
Bart wie Bart Simpson und Zen wie die Meditation. Eine interessante Etymologie.

Ich fotografiere Christina Tavío, Kandidatin der Partido Popular mit ähnlichen werten wie die CDU. Sie führt glühende Reden in der Welt des Debattierens und der Macht. Mit silbernen Leggins, dazu passende Pumps präsentiert sie ihr Programm.
Sie kommt aus einer der reichsten kanarischen Familien. Der Familienbesitz basiert auf Bananenplantagen. Ihr Exmann ist Esther´s Chef. Daher kenne ich ihren Scheidungstermin und weiß, dass sie verschiedene Lover außerhalb der Insel hat.

Durch den Internetanschluß in der Wohnung habe ich mindestens eine Stunde mehr Zeit pro Tag.
Seitdem frage ich mich, was ich denn in meiner Freizeit mache?

Sonntags am Teresitastrand zwischen den Familien und sonnengebräunten Jugendlichen.
Nummer 910 fährt die Menschenmassen zum Strand. Brüste fallen aus den Ausschnitten, kurze Miniröcke mit goldenen und silbernen Gürteln verziert. Bolivianisches schwarzes Haar weht mir ins Gesicht.
Der Friedhof vor dem Strand ist durch eine weiße Mauer eingegrenzt. Die vielen Kreuze vermischen sich für einen Moment mit den Menschen am Strand, die aus der Ferne wie bunte Punkte erscheinen. Ich laufe durch heißen, gelben Saharasand zum Wasser. Kinder spielen mit ihren Vätern in der Brandung, ein müdes Plätschern zwischen Sand und Wasser. In meiner Lieblingsbar Carmelo schreit der grüne Papagei zur Latinomusik. Die Barkeeperin aus Venezuela macht mir einen Kaffee mit viel Milch. Sonnengebräunte Dominikanische Jungs spielen vor unseren Augen Baseball. Schwitzende, glänzende Körper im Sand. Auf hoher See wartet ein Öltanker auf das Löschen seiner Ladung. Ein weißes Kreuzfahrtschiff verschwindet in der Ferne in Richtung Gran Canaria, kleine Segelschiffe im blauen Meer. Die grünen Berge spiegeln sich türkisfarben im Meeresblau wieder, der Wind erzeugt glitzernde Diamanten auf der Wasseroberfläche. Die Badenden ignorieren den Wind, der den Sand auf ihre eingeölten nackten Körper fegt.

1797 bedrohte Admiral Nelson mit mehreren Kriegsschiffen und 1200 Mann die Insel. Die Kanarier versenkten eins seiner Schiffe und Nelson mußte aufgeben. Seine einzige Kapitulation. Dabei verlor er auch noch einen Arm. Das wird im Militärmuseum am Tag der Streitkräfte gewürdigt. Schulkinder erhalten Preise in Form einer Kanone und strahlen für das Foto.

In unseren Zeiten kommen keine Invasoren mehr, dafür Touristen. 2006 besuchten über 10 Millionen Touristen die Inseln und hinterließen der Bevölkerung 12,6 Milliarden Euro. Gestern lagen drei Kreuzfahrtschiffe im Hafen von Santa Cruz und schwemmten 4400 Touristen für ein paar Stunden an Land. Wenn jeder einen Milchkaffe trinkt...

Ricardo Melchior, der Präsident der Inselverwaltung ist mir durch das Objektiv sehr vertraut. Ein sympathischer Politiker mit rundem Gesicht und gutmütigen braunen Augen. Er ist gerade 70 Jahre alt geworden. Auf der letzten Pressekonferenz hat er mich schwer beeindruckt. Er sprach im perfekten Deutsch und Englisch über die Touristen, die zeitweilig auf der Insel leben. Sein zweites Studium des Ingenieurwesens hat er in Aachen absolviert. Ich war über mich selbst erstaunt, wieviel näher ein Mensch erscheint, der die gleiche Sprache spricht. Es ist ja nicht nur die Sprache, sondern auch Denkweisen die in jeder Kultur anders sind. Er bedauert auf diplomatische Weise, dass die ansässigen Ausländer kein Spanisch verstehen. Sie Leben in ihrem eigenen Ghetto. So wie die Türken in Deutschland. Ist es Bequemlichkeit? Desinteresse? Nichtachtung der fremden Kultur gegenüber? Vor ein paar Tagen hat sich dieses Vorurteil gegenüber Deutschen bestätigt. Tino aus Berlin arbeitet seit zwei Jahren als Systemadministrator bei der Megawelle, ein deutsches Blättchen. Er spricht immer noch kein Spanisch. Und das stört ihn überhaupt nicht. Ricardo Melchior ist ein Politker, der sich in jeder Kultur zurechtfindet. Die meisten Spanier lernen sehr schwer andere Sprachen. Dieses Phänomen erscheint bei allen großen Sprachgruppen. Für Amerikaner, Russen oder Spanier ist eine Fremdsprache unwichtig. Sprache bedeutet politische Macht.

Eine unbestimmte Sehnsucht überfällt mich. Nach keinem Land und nach keinem Menschen. Die Welt gehört mir. Manchmal schwimme ich in einem Meer der Vergangenheiten. Will ich denn irgendwo ankommen? Immer auf Teneriffa? Doch diese Frage stellt sich momentan nicht. Jetzt ist hier. Warum so viele Gedanken verschwenden? Ich arbeite jetzt für die La Gacetta, was in einem Jahr ist, werde ich sehen.
Das Land der Illusionen und der Freuden. So hieß es bei den Griechen. Vor 200 Jahren war die Reise zu den Kanaren noch ein Abenteuer. Humboldt beschrieb die Kanaren als eine wilde großartige Natur an der Grenze des heißen Erdgürtels. Kein Ort schien geeigneter zu sein als die Kanaren, um die Schwermut zu bannen. »Wenn man im Orotavatal ist, begreift man, eine der glückseligen Inseln gefunden zu haben.« schrieb Humboldt.

Die heiße afrikanische Sonne wird durch die ständig wehenden Passatwinde in ein angenehmes Klima umgewandelt. Die Inseln des ewigen Frühlings. Der Nordost-Passat machte damit den Dreieckshandel der frühen Neuzeit möglich. Europäische Segelschiffe segelten an der afrikanischen Westküste nach Süden bis sie auf den Nordost-Passat trafen, der sie nach Westen trieb. Dort nutzten sie die Meeresströmungen, um aus dem Golf von Mexiko nach Norden zu kommen, von wo die Westwinde der Nordhalbkugel sie wieder nach Europa zurückbrachten. Vielleicht sollte ich einfach den Passatwinden folgen. Die Kanarischen Inseln galten als Zwischenstation, bevor die Schiffe nach Amerika weiterfuhren. Venezuela wird als achte Insel der Kanaren gesehen. Auch die Bounty mit Kapitän Cook lag im Hafen von Santa Cruz, bevor sie ihre Weltreise bis zur Südsee fortsetze.

Arancha ist eine von meinen vielen Mitbewohnern, die ich nie sehe. Sie arbeitet in einem Café und macht Crepes. Ich besuche sie zum Feierabend und wir gehen gemeinsam in eine kleine Bar, Guinea Conakry. Arancha wiederholt immer wieder dass ich mich nicht erschrecken soll. Wovor? Vor der schwarzen Hautfarbe? Sie betont mehrmals, dass sich viele Schwarze in dieser Bar aufhalten. Wie eine Verschwörung, etwas Schmutziges, Verbotenes. Der Barkeeper, mit kunstvoll geflochtenen Haaren und goldener Halskette lacht mich freundlich an und gibt mir ein Bier. Ein junger Typ aus Guinea Conakry schwärmt mir von Deutschland vor. Dort bekomme man Geld vom Staat. Er lebte zwei Jahre in Düsseldorf, bis er ausgewiesen wurde. Dann war er eine Weile im spanischen Gefängnis. Die Ursache erfahre ich nicht. Viele verkaufen Drogen, die einzige Chance etwas Geld zu verdienen. Die Polizei schließt um 4.oo Uhr morgens die Bar und wir gehen
nach Hause.

Marcel und Esther streiten sich wie Katz und Maus, oder wie man hier sagt wie Hunde und Katzen. Ich verstehe nicht ganz worum es geht, aber das versteht man ja als Außenstehene nie so ganz. Letzte Nacht schlief Esther im Wohnzimmer, habe Angst, dass sie auszieht. Mit ihr fühle ich mich am meisten verbunden. Marcel scheint andere Liebschaften zu haben oder vorzutäuschen. Sie hat kein Vertrauen zu ihm. Die beiden sind seit einem Jahr zusammen. Esther ist 18 Jahre jünger und dachte, besser einen älteren Partner, der verläßt mich nicht so schnell. Leider nutzen ihre Gedankengänge wenig. Esther ist Marcel´s fünfte Frau. Er kommt jeden Abend gegen 20.00 Uhr nach Hause, wenn sie das Essen schon vorbereitet hat. Nachdem die Küche wieder glänzt und er vor dem Fernseher eingeschlafen ist, gehen beide um 22.00 Uhr ins Bett.

Gelbe und orangefarbene Kapuzinerkresse an der Autobahn. Blaue Blütenpracht auf den Bäumen. Bunte Stiemütterchen, rote und lachsfarbene Begonien in den Gärten. Rosafarbene Petunien an den Strassenkreuzungen. Weiße, rote und gelbe Hibiskusblüten strahlen den blauen Himmel an.

Meine Arbeit führt mich in barocke Gebäude mit warmen Holzböden und kühlendem Marmor. Diese üppigen Stuckdecken und Verzierungen wünsche ich mir in unserer Wohnung. Die öffentlichen Gebäude sind opulent, die privaten Wohnungen geschmacklos. Schwarzer Granitstein, gelbe Vorhänge und eine Wohnzimmergarnitur mit senfgelben Schondecken. Wo es nichts zu schonen gibt. Die gelbbraun karrierten Sofas sind verbraucht und alt. In Gold eingerahmte nichtssagende Landschaften hängen lieblos seit Jahrzehnten an den weißen Wänden. Ein Kalender vom chinesischen Restaurant aus dem Jahr 2006 stört nutzlos mein Auge. Im spanhölzernen Wohnzimmerschrank weitere drei Kalender, irgendwann hingestellt und vergessen. Wenn ich mich so umschaue, sehe ich kein einziges geschmackvolles Objekt. Die blaukarierte Plastiktischdecke wird von gelben Zitronen und roten Johannisbeersträußchen unterbrochen. Videobänder zieren das Regal. Der Fernseher mit Stereoanlage und DVD-Player beleuchten in der Nacht das Zimmer. Rot, Grün, Grün, Rot. Ein Kühlschrank in der Küche, mein Kühlschrank direkt neben dem Fernseher im Wohnzimmer. Im Schlafzimmer existiert der dritte Kühlschrank. Esther erzählt von den Tagen, als sie hier einzog. Kakerlaken, Küchenwände mit braunem alten Fett, Müll. In jedem Zimmer brannte Licht zu jeder Tageszeit. Marcel wohnte mit zwei Kubanern und einem Pärchen aus Bolivien zusammen. Esther arbeitet als Putzfrau in einem Architektenhaushalt. Seitdem sie hier wohnt, riecht es nach Putzmittel und professioneller Sauberkeit.

Sonntag, 27. Mai sind Wahlen in Spanien.
Die Coalición Canaria besteht seit 1993 und entstand aus einer Gruppierung von Nationalisten, Konservativen und Exkommunisten. Sie wirbt mit Riesenplakaten »Ich erfülle« Miguel Zerolo, der Bürgermeister von Santa Cruz. Die Werbekampagne kostete 9 Millionen Euro. Zerolo hat das Auditorium bauen lassen, anstelle des Hospitals im Norden, was dringend gebraucht wird. Das Auditorium kostete dreimal soviel wie geplant. Dafür ist es vom berühmten Architekten Caladrava gebaut. Er wirbt mit der neuen Straßenbahn, wir sind jetzt eine Weltstadt. Und es sollen noch mehr Möglichkeiten für Touristen gebaut werden. Der Teresitastrand wird vor den Wahlen noch heiß diskutiert, da der Kauf nicht gültig sei und durch Korruption entstand. Miguel Zerolo verspricht kabelloses Internet für die ganze Stadt, und weitere Kindergärten.

Der Präsident von CCN, Ignacío Gonzalez, ist einer der reichsten Männer der Insel. Er will die Bedürfnisse der Bewohner mit einem Strand in Santa Cruz befriedigen.«Tú y Yo« »Du gleich Ich«

PSOE, ähnlich der SPD, wirbt mit dem Spruch: »Wir machen mehr« Veränderung mit kanarischem Akzent

Die PP, ähnlich der CDU haben ein eigenes Programm, das sie nicht kopiert haben, so wie alle anderen. Die PSOE sei vergiftet und die anderen seien auch nicht besser, deshalb werden sie die Wahlen gewinnen. Bis jetzt werden alle die Wahlen gewinnen. Die PP verspricht dem Volk ein sicheres Leben mit mehr Polizei, 20.000 neue Arbeitsplätze, 6000 neue Wohnungen, 20 Kindergärten, 20 Tagesstätten und Freizeitgestaltung für die ganze Familie in Santa Cruz.

Im Auditorium feiert die Coalición Canaria sich selbst. Ricardo Melchior, der Präsident der Inselverwaltung wird von Frauen mit sehr hohen Pumps und farbenfrohen Kleidern wie ein Popstar empfangen. Kanarische Musik im Hintergrund.
»Hecho en Canarias« ist ein weiterer Parteispruch. (Made in Canarias)

Die PSOE feiert sich ein letztes Mal vor der Wahl im Messegebäude. Rote Fahnen schwenken mit roten Rosen aus dem applaudierenden Menschenmeer. Juan Fernando López Aguilar begrüßt die Masse mit hochgekrempelten Hemdsärmeln. Aus der Menge wird »guapo« geschriehen. Felipe Gonzalez, der ehemalige Präsident Spaniens unterstützt die Partei. Eine Jazzband heizt die Stimmung an.

Die Partido Popular, PP, nimmt den ehemaligen Präsidenten Aznar zur Wahlunterstützung. Christina Tavío hebt besonders hervor, dass dieser Besuch als Beweis für ihre gute Arbeit auf Teneriffa ist.

In Punta Brava, schießen Feuerwerke in den Himmel. Auf dem Dorfplatz sind Scheinwerfer und Plakate aufgebaut. Musikalischer Hintergrund erinnert an ein Fest, dabei ist es eine Wahlkampagne der PSOE. Die zukünftige Bürgermeisterin tritt in hohen Pumps und bunt bedrucktem Kleid vor die Menschenmenge. Sie atmet noch einmal tief durch, bevor sie auf dem Podium die Massen zu begeistern weiß. Alle rufen, Lola, Lola, guapa! Was aufmerksame Leser inzwischen auch wissen, die Schönheit wird hier aussergewöhnlich vielseitig benutzt. Lola Padrón verspricht einen neuen Anstrich auf dem Dorfplatz, bessere Verbindungen zur Hauptstadt und Chancen für die Jugendlichen. Frauen, alte Menschen und Kinder sind bei allen Parteien Wahlprogramm. Lola Padrón kann ihre Vorschläge dem Publikum realistisch darbieten. Ich glaube ihr. Alle Kandidaten stellen sich vor, vom Studenten bis um Unternehmer. Wir sind vorbereitet, wir sind präpariert für die neuen Regierung! Wir werden gewinnen! Wir wollen den Wechsel! Ein Tumult, rote Fahnen werden geschwenkt. Lola, Lola, Lola!

Noch eine Woche bis zur Wahl. Die drei möglichen Präsidenten werden in der Tageszeitung »El Dìa« vorgestellt. Ein Wassermann, ein Steinbock und ein Zwilling bewerben sich für die Präsidentschaft. Paulino Rivero, Coalición Canaria wollte früher Fußballer werden und sein Lieblingsgericht ist Papas Arugadas, ein kanarisches Gericht. Juan Fernando Aguilar López, PSOE wäre gerne Architekt geworden und liebt den Strand. Der PP-Kandidat Soria möchte nach den Wahlen in die Kirche gehen und danach im Haus seiner Mutter mit seiner Familie gemeinsam essen.

Die Mitglieder der PSOE strahlen. Sie haben die Mehrheit auf den Kanaren erreicht. Ein Ergebnis wie noch nie. Zapatero, der amtierende Präsident, beglückwünscht Juan Fernando López Aguilar. Aber die absolute Mehrheit zum regieren haben sie nicht. Die Coalición Canarias strahlt, weil sich nichts änderen wird. Die PP strahlt, sie werden gemeinsam mir der Coalición Canarias regieren. Alle sind Gewinner der Wahlen 2007.

Die Partido Popular erklärt in einer Pressekonferenz, dass keine Partei die absolute Mehrheit zum regieren hat, die politische Landschaft ist vielseitiger geworden und es gibt keinen echte Veränderung. DIe Bevölkerung hat entschieden.

Das Basketballteam Socas Canarias hat ein wichtiges Spiel gewonnen. Ab jetzt steigen sie eine Gehaltsklasse höher. Das Geld für den Basektball muß anders verteilt werden. Turnschuhe fliegen durch die Menge, Wasserflaschen werden ausgeschüttet und die Trainer in die Luft geworfen. Javi Román hängt sich das abgeschnittene Basektballnetz als Trophäe um den Hals. Die Menschenmenge schreit frenetisch, die Spieler bedanken sich für das Angagement der Fans. Schwitzend fallen sich zwei Meter große Sportler in die Arme, Fotografen und Kamerateams mittendrin. Jakim Donaldson, der Star aus Amerika läuft auf Strümpfen über das Spielfeld und schlägt die Trommel des Fanblocks. Fremde Menschen werden abgeküßt wie gute Freunde, wir sind alle ein Team und ganz Canarias hat heute gewonnen. Der Männerschweiß ist ein Cocktail aus Adrenalin und Serotonin. Zum Gruppenfoto lassen sich alle auf den Boden fallen, ein Klumpen freudiger Menschenmasse liegt enthemmt über und untereinander. Aufgeladen verlassen alle das Stadion.

30. Mai, »Dia de Canarias«, schon wieder ein Feiertag. Es gibt traditionelle Kanarische Küche gratis, dazu Sangria oder Rotwein. Papas arrugadas, gesaltzene Pellkartoffeln, Bohnen, und geräucherten Käse. Serviert von Frauen mit langen bunten Röcken aus schwerem Stoff, und Strohhüten auf dem Kopf. Kanarische Livemusik mit Gitarrenklängen und durchdringenden, klagenden Stimmen erfüllen die Luft.

Santa Cruz im Juni

Endlich gehört der dunkelblaue Renault Clio, Baujahr 1995 mir! Mein erstes Auto!
Claudia und Petra kommen spontan für eine Woche vorbei. Erstes touristisches Highlight: der spanische TÜV. Poli fährt mit mir über den TÜV. Ich lerne neue spanische Vokabeln, wie Blinker, Handbremse, Scheibenwischer oder Lenkrad.

Wir fahren zum Teide über den Wolken, durch nebelnasse Wälder über die Autobahn in die Stadt. DIe Canarios sind äußerst freundlich und geduldig. Auch ich muß jetzt die Fußgänger über die Straße lassen.

In Puerto de la Cruz ist die Hölle los. Die Virgen de la Carmen, Schutzpatronin der Seeleute wird von einer Menschenmasse zum Hafen begleitet. Mit schmerzverzerrten Gesichtern tragen einige Seemänner die Statur auf ihrem Rücken durch die Stadt. Das Gesicht der Jungfrau schaut regungslos über ein Meer von Menschen in die Ferne. Dort wo etliche Seemänner nie wieder zurückgefunden haben. Die Sehnsucht, das Warten auf die Rückkehr der Fischer, das Meer. Bei 30 Grad Hitze springen die Menschen ins Wasser, als sei es der heilige Ganges in Benares. Durchnässte, muskulöse Seemänner laden die heilige Carmen auf´s´Boot. Der Motor springt an, wichtige Politiker begleiten die Jungfrau auf ihren Meeresausflug. Einmal im Jahr darf die heilige Carmen das Meer sehen, die salzige Luft einatmen, einen Blick auf die dort draussen verbliebenen werfen und einen segnenden Schutz über die Küste bis zum endlosen Horizont ausbreiten. Motorboote, Surfer, Kanus, Schwimmer und Segelboote begleiten sie ausgelassen auf ihrer Reise. Alle trinken Bier, feiern, sind glücklich.

16.000 Menschen zwischen Organic Chill Out, Crystal Stage und Windmühlen. Eolica, das beste Musikfestival Europas. Der Eintritt kostet 25 Euro. Ich versuche es mit einer Akkreditierung. Die Presseabteilung sucht mich auf der Gästeliste vergebens. Dann hat die La Gacetta mich bestimmt vergessen. Sofort ruft die Pressezuständige Raquel, die Kulturredakteurin, an. Hier steht eine Frau mit einer Kamera, kennst du sie? Marcos, und Raquel wissen von nichts. Ich komme trotzdem rein und mache Fotos.
Luis Groove und Timetourist spielen ihren Sound. Wiederverwendbare Energien werden vorgestellt, tanzende junge Menschen mit blau gefärbten Zungen und braunen Oberkörpern. Stolz zeigt mir ein Italiener seinen dicken Bauch auf dem Nomad eintätowiert ist. Die Tatooreise geht noch weiter bis zur Unterhose, die er zur besseren Sichbarkeit herunterzieht. Seine Pobacken zieren zwei orangefarbene üppige Blumen.

Wieder kommen Immigranten mit einem kleinen buntbemalten Holzboot an. Miguel wartet auf mich in Los Cristianos. Mein erster Trip mit meinem Auto alleine in den Süden. Ich komme mir fremd vor, wie auf einer anderen Insel. Die restlichen Immigranten sind schon an Land. ich komme pünktlich zu spät. 90 Afrikaner sind auf hoher See ertrunken. Die Suchaktion ist abgeschlossen. Diese Ankunft der Immigranten ist für ein gutes Foto unbefriedigend. Immer wieder das gleiche Bild. Desolate, traurige, erstaunte Gesichter, die es kaum fassen, die Reise überlebt zu haben. Alle die gleichen Emotionen, alle Trainingshosen, T-Shirt und Mützen. Plastiktüten vom Roten Kreuz. Immer gleiche Informationen. Die Anzahl der angekommenen Personen, ein paar Minderjährige, ein Verletzter oder Tote. Die Schiffe kommen mit einer sommerlichen Regelmäßigkeit seit Jahren im Hafen von Los Cristianos an. Routine. Mich interessieren diese Fotos nicht mehr. Aber wie haben die Menschen 10 Tage auf diesem Boot zugebracht? Die Gefühle, die Sehnsüchte, das Warten, die Angst, das Wetter, das Wasser, das Essen, die nächsten Nachbarn, die Toilette. Der Tod?

Auf der Autobahn von Puerto de la Cruz bis Santa Cruz ist mein Auto dampfend liegengeblieben. Was tun? EIn Geräusch gehört nicht zum Motor. das Auto wird immer langsamer. Ich muß runter von der Autobahn und bleibe genau in der Ausfahrt Sauzal liegen. EIn anderes Auto hält und sieht mich etwas ratlos auf mein Auto starren. Ein Abschleppwagen kommt durch Zufall vorbei. Ich will es immer noch nicht wahrhaben. Nein ich brauche keinen Abschleppdienst. Welche Versicherung haben sie? Linea directa bezahlt. Hier ist eine Ausländerin, die mit ihrem Auto liegengeblieben ist. Mein Auto wird auf die Laderampe gefahren, ich kann es immer noch nicht glauben, da ich doch 10 Minuten vorher noch mit 100 h/km über die Autobahn flog. Wir fahren nach Santa Ursula. Das Auto muß in die Werkstatt nach Tacoronte. EIn Wasserschlauch ist geplatzt. Ich habe nicht auf die Temperatur geachtet. Der Zeiger blinkte rot. Das bedeutet mindestens 400 Euro Schaden. Der Taxifahrer kannte sich aus.
Eine teure Erfahrung. Die Besitzerin der Abschleppfirma erzählt auf der Veranda mit Blick zum Orotavatal. Frösche quaken, das sanfte Rauschen der Autobahn mitten in der Naturidylle. Sie war mit ihrem Ehemann in Deutschland und ist fast verhungert. Das Essen hat ihr nicht geschmeckt und es war immer wenig. Und die Straßen, leer! Die Leute leben nicht richtig und für sie gibt es dort keine Lebensqualität. Grau, traurig und öde.

Es ist wieder Sonntag und ich bin in Taganana. Die Strände sind berühmt für ihre hohen Wellen. Ich treffe wieder die spanischen Leute im Restaurant am Strand. Nach dem Essen zwei Gittaren und eine kräftige Frauenstimme: »Ich möchte nur, das du mir das Leben schön machst.«

Ein Fotograf von La Opinión, Jonay, ist deprimiert. Sein Blitz funktioniert nicht mehr und er hat kein Geld. Die armen Fotografen. Hier hat die Ungerechtigkeit ihren Höhepunkt. Wir brauchen ein Equipment was mindestens 7000 Euro kostet, und arbeiten für einen Hungerlohn.

Die La Gacetta gehört einem ehemaligen Boxer. Martinez hatte eine Kette von Geschäften, die Elektrogeräte verkaufen. DIe Druckerei gehörte auch ihm. Dort wurden viele Zeitungen gedruckt. Sogar die El País. Jetzt gehört ihm nur noch die La Gacetta, Mitteilhaber El Mundo. Jetzt muß die La Gacetta Strafe bezahlen, wenn sie zu spät die Daten liefert. Es gab schon immer Geldprobleme. Die Martiñez Geschäfte wurden unter der Bedingung verkauft, das der Name weitergetragen wird. Martiñez ist ein guter Freund von Miguel Conception, dem Fußballpräsidenten mit dem undurchsichtigen Mafiagesicht und einer der reichsten Männer der Insel. Reich geworden ist er mit dem Straßenbau. Jetzt besitzt er 9 Firmen. Unter anderem: Islas Airways, Schiffsfähren zwischen den Inseln, und einiges mehr.

Inhaber haben immer Geld und oft Geldprobleme. Ich bekomme kein Kilometergeld. Diese Information hat mich bis zum Boden zerstört. Maria Elena, die Kubanerin tröstet mich mit einem Café. Die La Gacetta ist keine Zukunft.

Währendessen wir in Santa Cruz bei 40 Grad schwitzen, brennt der Nordwesten ab. Pinien, Eukalyptusbäume, Häuser. Das Satelittenbild ist beeindruckend. Dicke Rauchschwaden ziehen in Richtung Westen. Dafür rufen mich viele Leute an.

Meinen Geburtstag habe ich einen Tag vorher in einem Restaurant Mit meiner verrückten Mitbewohnerin die alkoholikerin ist und Drogen nimmt, einem Afrikaner aus Sierra Leone den ich kaum verstehe, und der sehr genre mit mir zusammen wäre,  Ramón, einem Fotografen den ich sehr schätze und mit dem ich gerne zusammen wäre, wenn er nicht verheiratet wäre und zwei Kinder hätte und Eli aus Barcelona, feier ich im Los Reunidos meinen Geburtstag. Arancha dreht immer mehr auf, bis sie keiner mehr versteht. Ich dachte es sind meine Sprachprobleme, aber Ramón hat sie irgendwann auch nicht mehr verstanden.

Mich hat der Blues. Mit Ramón in einem Cadillac ein Arm aus dem Fenster, Musik, Landschaft, von Chicago bis Memphis. Erinnerungen an Billy. Die Erinnerungen werden wieder lebendig. Wie eine Spirale.

Für 100 Millionen Euro schaut La Palma in die tiefen des Universums. Das beste Teleskop der Welt.


Die Sonne brennt unbarmherzig, das Wasser ist knapp, Ich brauche die Herausforderung bis zur Grenze. Die Berge wie ein kleines Tibet. Wenn man sich verläuft, kein Handyempfang. Abgeschnitten von der Welt. Die Wanderung zum Antequera Strand ist ein Erlebnis wie Robinson Crusoe. Derr Strand ist nur mit Boot zu erreichen, oder eben durch wandern. ich teile den Strand mit drei anderen Menschen. Ich frage mich woher sie kommen und wie sie hier jemals wieder wegkommen. ich muß auf jeden Fall wieder den Barranco hoch über Stock und Stein. Weidende Ziegen schauen mich erstaunt an. Ich suche immer wieder den Weg, Sackgasse, über Stock und Stein, dann wieder ein Pfad zu sehen. Zurückgehen, umwege gehen. Das ist ja wie im wahren Leben.

Im Dorf Igueste de San Andres treffe ich einen 70 zig jährigen Mann. Er geht den Weg bis zum Gipfel zweimal die Woche. Donnerstags und Sonntags. Ich staune. Der Weg führt steil hoch und belohnt mit einem phantastischen Panorama über das Anagagebirge bis zum Teide. Die Küste, die grünen Berge das blaue Meer die Wolken. Das Sonnenlicht streift unwirklich die grünen Berge.


Beim Fotografieren des eines Fußballers am Flughafen mein erstes Ticket bekommen. Sehr wahrscheinlich 90 Euro. Heute ist nicht mein Tag. Um 6:30h aufgestanden, zum ersten Fototermin kam ich zu spät. Alle Läufer waren schon weg.

Jetzt komme ich schon wieder zu spät. Der Polizist schreibt gerade das Ticket aus. 60 bis 90 Euro. Ich bin verzweifelt. Am besten nicht dran denken. Manche verlieren ihre Häuser, ihr Leben, ihre Ernten, und ich habe nur einen Strafzettel bekommen. Alles geht vorüber. Auch der Ärger. Heute ist nicht mein Tag. Ich bin gereizt. Vielleicht wegen meiner bevorstehenden Reise. Warum muß immer alles so anstrengend sein? Warum Mauretanien? Ins große Nichts, in das Land der Mercedesmodelle. Ich habe mich entschieden und es ist gut so. Zum ersten Mal bereite ich meine Reise nicht von Deutschland aus vor.

Santa Cruz im Juli

Endlich gehört der dunkelblaue Renault Clio, Baujahr 1995 mir! Mein erstes Auto!
Claudia und Petra kommen spontan für eine Woche vorbei. Erstes touristisches Highlight: der spanische TÜV. Poli fährt mit mir über den TÜV. Ich lerne neue spanische Vokabeln, wie Blinker, Handbremse, Scheibenwischer oder Lenkrad.

Wir fahren zum Teide über den Wolken, durch nebelnasse Wälder über die Autobahn in die Stadt. DIe Canarios sind äußerst freundlich und geduldig. Auch ich muß jetzt die Fußgänger über die Straße lassen.

In Puerto de la Cruz ist die Hölle los. Die Virgen de la Carmen, Schutzpatronin der Seeleute wird von einer Menschenmasse zum Hafen begleitet. Mit schmerzverzerrten Gesichtern tragen einige Seemänner die Statur auf ihrem Rücken durch die Stadt. Das Gesicht der Jungfrau schaut regungslos über ein Meer von Menschen in die Ferne. Dort wo etliche Seemänner nie wieder zurückgefunden haben. Die Sehnsucht, das Warten auf die Rückkehr der Fischer, das Meer. Bei 30 Grad Hitze springen die Menschen ins Wasser, als sei es der heilige Ganges in Benares. Durchnässte, muskulöse Seemänner laden die heilige Carmen auf´s´Boot. Der Motor springt an, wichtige Politiker begleiten die Jungfrau auf ihren Meeresausflug. Einmal im Jahr darf die heilige Carmen das Meer sehen, die salzige Luft einatmen, einen Blick auf die dort draussen verbliebenen werfen und einen segnenden Schutz über die Küste bis zum endlosen Horizont ausbreiten. Motorboote, Surfer, Kanus, Schwimmer und Segelboote begleiten sie ausgelassen auf ihrer Reise. Alle trinken Bier, feiern, sind glücklich.

16.000 Menschen zwischen Organic Chill Out, Crystal Stage und Windmühlen. Eolica, das beste Musikfestival Europas. Der Eintritt kostet 25 Euro. Ich versuche es mit einer Akkreditierung. Die Presseabteilung sucht mich auf der Gästeliste vergebens. Dann hat die La Gacetta mich bestimmt vergessen. Sofort ruft die Pressezuständige Raquel, die Kulturredakteurin, an. Hier steht eine Frau mit einer Kamera, kennst du sie? Marcos, und Raquel wissen von nichts. Ich komme trotzdem rein und mache Fotos.
Luis Groove und Timetourist spielen ihren Sound. Wiederverwendbare Energien werden vorgestellt, tanzende junge Menschen mit blau gefärbten Zungen und braunen Oberkörpern. Stolz zeigt mir ein Italiener seinen dicken Bauch auf dem Nomad eintätowiert ist. Die Tatooreise geht noch weiter bis zur Unterhose, die er zur besseren Sichbarkeit herunterzieht. Seine Pobacken zieren zwei orangefarbene üppige Blumen.

Wieder kommen Immigranten mit einem kleinen buntbemalten Holzboot an. Miguel wartet auf mich in Los Cristianos. Mein erster Trip mit meinem Auto alleine in den Süden. Ich komme mir fremd vor, wie auf einer anderen Insel. Die restlichen Immigranten sind schon an Land. ich komme pünktlich zu spät. 90 Afrikaner sind auf hoher See ertrunken. Die Suchaktion ist abgeschlossen. Diese Ankunft der Immigranten ist für ein gutes Foto unbefriedigend. Immer wieder das gleiche Bild. Desolate, traurige, erstaunte Gesichter, die es kaum fassen, die Reise überlebt zu haben. Alle die gleichen Emotionen, alle Trainingshosen, T-Shirt und Mützen. Plastiktüten vom Roten Kreuz. Immer gleiche Informationen. Die Anzahl der angekommenen Personen, ein paar Minderjährige, ein Verletzter oder Tote. Die Schiffe kommen mit einer sommerlichen Regelmäßigkeit seit Jahren im Hafen von Los Cristianos an. Routine. Mich interessieren diese Fotos nicht mehr. Aber wie haben die Menschen 10 Tage auf diesem Boot zugebracht? Die Gefühle, die Sehnsüchte, das Warten, die Angst, das Wetter, das Wasser, das Essen, die nächsten Nachbarn, die Toilette. Der Tod?

Auf der Autobahn von Puerto de la Cruz bis Santa Cruz ist mein Auto dampfend liegengeblieben. Was tun? EIn Geräusch gehört nicht zum Motor. das Auto wird immer langsamer. Ich muß runter von der Autobahn und bleibe genau in der Ausfahrt Sauzal liegen. EIn anderes Auto hält und sieht mich etwas ratlos auf mein Auto starren. Ein Abschleppwagen kommt durch Zufall vorbei. Ich will es immer noch nicht wahrhaben. Nein ich brauche keinen Abschleppdienst. Welche Versicherung haben sie? Linea directa bezahlt. Hier ist eine Ausländerin, die mit ihrem Auto liegengeblieben ist. Mein Auto wird auf die Laderampe gefahren, ich kann es immer noch nicht glauben, da ich doch 10 Minuten vorher noch mit 100 h/km über die Autobahn flog. Wir fahren nach Santa Ursula. Das Auto muß in die Werkstatt nach Tacoronte. EIn Wasserschlauch ist geplatzt. Ich habe nicht auf die Temperatur geachtet. Der Zeiger blinkte rot. Das bedeutet mindestens 400 Euro Schaden. Der Taxifahrer kannte sich aus.
Eine teure Erfahrung. Die Besitzerin der Abschleppfirma erzählt auf der Veranda mit Blick zum Orotavatal. Frösche quaken, das sanfte Rauschen der Autobahn mitten in der Naturidylle. Sie war mit ihrem Ehemann in Deutschland und ist fast verhungert. Das Essen hat ihr nicht geschmeckt und es war immer wenig. Und die Straßen, leer! Die Leute leben nicht richtig und für sie gibt es dort keine Lebensqualität. Grau, traurig und öde.

Es ist wieder Sonntag und ich bin in Taganana. Die Strände sind berühmt für ihre hohen Wellen. Ich treffe wieder die spanischen Leute im Restaurant am Strand. Nach dem Essen zwei Gittaren und eine kräftige Frauenstimme: »Ich möchte nur, das du mir das Leben schön machst.«

Ein Fotograf von La Opinión, Jonay, ist deprimiert. Sein Blitz funktioniert nicht mehr und er hat kein Geld. Die armen Fotografen. Hier hat die Ungerechtigkeit ihren Höhepunkt. Wir brauchen ein Equipment was mindestens 7000 Euro kostet, und arbeiten für einen Hungerlohn.

Die La Gacetta gehört einem ehemaligen Boxer. Martinez hatte eine Kette von Geschäften, die Elektrogeräte verkaufen. DIe Druckerei gehörte auch ihm. Dort wurden viele Zeitungen gedruckt. Sogar die El País. Jetzt gehört ihm nur noch die La Gacetta, Mitteilhaber El Mundo. Jetzt muß die La Gacetta Strafe bezahlen, wenn sie zu spät die Daten liefert. Es gab schon immer Geldprobleme. Die Martiñez Geschäfte wurden unter der Bedingung verkauft, das der Name weitergetragen wird. Martiñez ist ein guter Freund von Miguel Conception, dem Fußballpräsidenten mit dem undurchsichtigen Mafiagesicht und einer der reichsten Männer der Insel. Reich geworden ist er mit dem Straßenbau. Jetzt besitzt er 9 Firmen. Unter anderem: Islas Airways, Schiffsfähren zwischen den Inseln, und einiges mehr.

Inhaber haben immer Geld und oft Geldprobleme. Ich bekomme kein Kilometergeld. Diese Information hat mich bis zum Boden zerstört. Maria Elena, die Kubanerin tröstet mich mit einem Café. Die La Gacetta ist keine Zukunft.

Währendessen wir in Santa Cruz bei 40 Grad schwitzen, brennt der Nordwesten ab. Pinien, Eukalyptusbäume, Häuser. Das Satelittenbild ist beeindruckend. Dicke Rauchschwaden ziehen in Richtung Westen. Dafür rufen mich viele Leute an.

Meinen Geburtstag habe ich einen Tag vorher in einem Restaurant Mit meiner verrückten Mitbewohnerin die alkoholikerin ist und Drogen nimmt, einem Afrikaner aus Sierra Leone den ich kaum verstehe, und der sehr genre mit mir zusammen wäre,  Ramón, einem Fotografen den ich sehr schätze und mit dem ich gerne zusammen wäre, wenn er nicht verheiratet wäre und zwei Kinder hätte und Eli aus Barcelona, feier ich im Los Reunidos meinen Geburtstag. Arancha dreht immer mehr auf, bis sie keiner mehr versteht. Ich dachte es sind meine Sprachprobleme, aber Ramón hat sie irgendwann auch nicht mehr verstanden.

Mich hat der Blues. Mit Ramón in einem Cadillac ein Arm aus dem Fenster, Musik, Landschaft, von Chicago bis Memphis. Erinnerungen an Billy. Die Erinnerungen werden wieder lebendig. Wie eine Spirale.

Für 100 Millionen Euro schaut La Palma in die tiefen des Universums. Das beste Teleskop der Welt.

Die Sonne brennt unbarmherzig, das Wasser ist knapp, Ich brauche die Herausforderung bis zur Grenze. Die Berge wie ein kleines Tibet. Wenn man sich verläuft, kein Handyempfang. Abgeschnitten von der Welt. Die Wanderung zum Antequera Strand ist ein Erlebnis wie Robinson Crusoe. Derr Strand ist nur mit Boot zu erreichen, oder eben durch wandern. ich teile den Strand mit drei anderen Menschen. Ich frage mich woher sie kommen und wie sie hier jemals wieder wegkommen. ich muß auf jeden Fall wieder den Barranco hoch über Stock und Stein. Weidende Ziegen schauen mich erstaunt an. Ich suche immer wieder den Weg, Sackgasse, über Stock und Stein, dann wieder ein Pfad zu sehen. Zurückgehen, umwege gehen. Das ist ja wie im wahren Leben.

Im Dorf Igueste de San Andres treffe ich einen 70 zig jährigen Mann. Er geht den Weg bis zum Gipfel zweimal die Woche. Donnerstags und Sonntags. Ich staune. Der Weg führt steil hoch und belohnt mit einem phantastischen Panorama über das Anagagebirge bis zum Teide. Die Küste, die grünen Berge das blaue Meer die Wolken. Das Sonnenlicht streift unwirklich die grünen Berge.

Beim Fotografieren des eines Fußballers am Flughafen mein erstes Ticket bekommen. Sehr wahrscheinlich 90 Euro. Heute ist nicht mein Tag. Um 6:30h aufgestanden, zum ersten Fototermin kam ich zu spät. Alle Läufer waren schon weg.

Jetzt komme ich schon wieder zu spät. Der Polizist schreibt gerade das Ticket aus. 60 bis 90 Euro. Ich bin verzweifelt. Am besten nicht dran denken. Manche verlieren ihre Häuser, ihr Leben, ihre Ernten, und ich habe nur einen Strafzettel bekommen. Alles geht vorüber. Auch der Ärger. Heute ist nicht mein Tag. Ich bin gereizt. Vielleicht wegen meiner bevorstehenden Reise. Warum muß immer alles so anstrengend sein? Warum Mauretanien? Ins große Nichts, in das Land der Mercedesmodelle. Ich habe mich entschieden und es ist gut so. Zum ersten Mal bereite ich meine Reise nicht von Deutschland aus vor.

Mauretanien

Der Kanarenstrom verhüllt die fremde Welt in einen blauen Nebel. Eine Tasse Kaffee und ein Baguette und der endlose leere Strand Afrikas liegt vor mir. Ein Wolkenband fällt wie ein Wasserfall ins türkisfarbene Meer. Sandige Wassertropfen bilden ein Muster auf dem platten Boden. Im Flughafengebäude steigt muffiger Körpergeruch in die Nase. Ab jetzt gibt es kein Toilettenpapier mehr. Vor sechs Monaten bin ich mit allen Hoffnungen von Laayoune auf die Kanaren geflogen. Jetzt ist mein Kopf voll mit Menschen, die ich damals noch nicht kannte.

Frauen flanieren in Gruppen gemeinsam die staubigen Straßen entlang. Tücher wehen in Türkis, Blutrot, Sandgelb mit großen Mustern durch den Wind. Eine Frau prüft jedes Gebäck mit ihren hennabemalten Händen. Das nicht, das auch nicht, ein Gebäck fällt auf die Straße, nein das auch nicht. Nachdem sie alle mit ihren Händen begutachtet hat, kauft sie das Erste. Renaults aus den 70zigern. Ab und zu ein neuer Jeep. Ein Mann in Badelatschen fragt mich, ob ich Sex haben möchte. Ich esse einen orangefarbenen Eintopf mit Fleisch, Kartoffeln und Möhren. Die Fliegen versammeln sich auf dem schmutzigen weißen Plastiktisch.

1000 km südlich liegt Dakhla, Rio de Oro genannt. Es gibt weder Gold noch einen Fluß, dafür viel gelber Sand. Ob ich 200 Meter oder 2000 km fahre, die Landschaft ist in weißes Licht getaucht. Kein Baum, kein Strauch, nichts als erschreckende Weite. Nie wird sich etwas ändern. Wie ein Gefühlszustand, eine Erstarrung, aus der man nie wieder entlassen wird. Rasender Stillstand. Flaches Land geht über in einen blassen Himmel, Entfernungen sind unwichtig geworden. Auf der Tankstelle Sahara macht der Bus eine Mittagspause. Das Lied »Hotel California« tönt über einen Lautsprecher durch die Wüste.
»You can go whereever you want, but you can never leave.«

Jeder Polizeiposten im endlosen Nichts bewahrt ein großes, in Leder gebundenes Buch. Name, Adresse und Beruf werden sorgfältig eingetragen. Diese Seiten werden nie wieder gelesen. Aber ein stiller Beweis, ich war da. Wie Eintragungen ins Klassenbuch. Mein Name steht nun in jedem Polizeihäuschen der Westsahara.

In Dakhla kaufe ich mir ein hellblaues Handtuch mit besticktem Goldrand und roter Rose. Made in China. Nach Sonnenuntergang vermischen sich Pfefferminze, Weihrauch, Hühner, Feuer und Körpergeruch zu einem orientalischen Cocktail. Ich habe ein Hotelzimmer Nummer 2. Am nächsten Morgen geht es weiter mit einem schwarzen Mercedes, aus Belgien. Mauretanien ist das Land des Mercedessterns. Hier fahren alle Modelle, mit Papiere und ohne Papiere. Unser Taxifahrer spricht spanisch und kennt die mauretanische Grenze gut. Wir fahren durch sieben Kilometer Niemandsland über die Grenze nach Mauretanien. Minen vom ehemaligen Konfikt schlummern noch im Sand. Ein Autofriedhof, nachts werden gestohlene Mercedese über die Grenze gebracht. Weder Marokko noch Mauretanien ist daran interessert, diese 7 km zu asphaltieren. Direkt hinter der Grenze liegt Nouadibouh.

Im Juli 2006 schloss die EU mit Mauretanien das nach eigenen Angaben »wichtigste Fischereiabkommen überhaupt« ab. Für die Zahlung von 86 Millionen Euro pro Jahr können während der sechsjährigen Laufzeit des Abkommens rund 200 europäische Schiffe in mauretanischen Gewässern fischen.

In Nouadhibou angekommen übernachten Margot, eine Französin und ich beim Taxifahrer. Sein Haus hat keine Fenster. Ich bin schockiert. Aber es gibt doch Fenster! Er zeigt auf eine Luke in der Decke und ein inneres Fenster. Das kalte Neonlicht und der Fernseher bieten orientalische Gemütlichkeit. Wir zappen uns von Abu Dhabi bis Lybien durch. Das europäische Bad, in lindgrün gekachelt mit Badewanne zeigt sich als unbrauchbar, da es kein fließendes Wasser gibt. Mit einem Plastikeimer holen wir das Wasser aus drei Meter Tiefe. Eine Zisterne in der Küche. Das Wasser kommt von weit her. Aus dem Süden. Aber die letzen Meter bis zu meinem Körper sind schwierig.

Der Taxifahrer fragt mich, ob ich das angenehme Leben satt bin? Warum Mauretanien? Zum Abendessen gibt es Tortilla, Tomaten und Oliven. Ein schwarzer Mauretanier bereitet den Tee vor. Hin und her werden die Gläser geschwenkt, bis ein fester Schaum entsteht. Ich erinnere mich an das Gesetz, das erst vor kurzem erlassen wurde. Sklaverei ist verboten. Viele Schwarze arbeiten im Haushalt bei nordafrikanischen Familien für wenig Geld. Waren früher wie Eigentum. Er schaut nach dem Rechten, wenn der Taxifahrer nicht da ist.

Nouadhibou: Auf staubigen Straßen zwischen Müllfetzen werden Tomaten, Mangos, Plastikschüsseln und Sonnenbrillen von Senegalesen verkauft. Eine Ziege kaut genüßlich an den Resten eines Frauenkleides.

An einem weißen Betonkubus mit zwei Eisenbahnschienen warten die Leute täglich ab 14.30 Uhr auf den längsten Zug der Welt, der 700 km durch die Wüste Eisenerz von der heißen Wüste zur kühlen 2 Küste transportiert. Ich lerne ein 13 jähriges Mädchen kennen, sie lebt mit ihren Eltern in Valencia und ist stolz, spanisch zu sprechen. »Que chuli el desierto!« Teenagersprache auf spanisch. Der 17 jährige Alex reist mit ihren Eltern, aber so genau weiß ich das nicht. Seine Haut ist weich wie schwarzer Samt, ich mache ihm Komplimente und er will mich heiraten. Übermütig und voller Lebensfreude macht er ständig Witze.

Der Zug wirbelt den Sand der gesamten Wüste auf und hält auf quietschenden Schienen. Matrazen, Taschen, Menschen klettern durch die Fenster. Nach einigen Kilometern ist der Gang immer noch voll mit Menschen. Die Fahrt dauert 14 Stunden. Es gibt kein Platz. Ich werde von meiner neuen Familie eingeladen in ihrem Abteil zu sitzen. 14 Personen teilen sich 6 Sitze. Aber das ist allen egal. Dazwischen bereitet Alex mit guter Laune den Tee vor. Der Müll wird in die einsame Weite der Wüste aus dem Fenster geworfen. Die Nomadenkultur lebt in den Menschen weiter. Auch wenn sie mittlerweile seßhaft geworden sind. Mit dem Untergang der Sonne ist es im Zug auch dunkel. Aber die arabische Augen sind überall. Und die Hände auch. Ich steige über schlafende Frauen und Männer, hin und her. Der Fahrtwind bläst Sand und Eisenstaub ins Gesicht.

Alex schlägt vor, in einen der offenen Wagons zu klettern. Dort fahren die Leute die kein Ticket bezahlen. Sternenstaub über dem schwarzen Wüstenhimmel. Der offene Wagon rüttelt uns von einer Ecke zur anderen. Manchmal ist es besser das Abenteuer im Buch nachzulesen, als selbst zu erleben. Ich habe mir die offenen Wagons gemütlicher vorgestellt. So gleitend durch die Wüstennacht. Meteoriten, Sternschnuppen, fallen wie Wünsche vom Himmel. Der Zug rüttelt unsere Körper von einer Ecke zur anderen. Das quietschen der Schienen durch die stille Nacht. Die Jungs heitern mich auf. Wir tanzen in der Mitte des Wagons, Merengue, Hip Hop, Salsa, um uns dem Rhythmus des Zuges irgendwie anzupassen. Bewegen. Drei Stunden lang mit einer Handvoll 18 Jähriger und einem Getthoblaster durch die staubige Nacht. In Choum steige ich aus. Weitere vier Stunden bis Zouerat erspare ich mir. Beim Aussteigen verschwindet plötzlich meine Tasche. Es ist dunkel. Ich komme so schnell aus dem offenen Wagon nicht heraus. Drei Taschenlampen in der Ferne, das ist Choum. Zwei Eisenbahnschienen und ein paar Häuser. Ein anderer Güterzug saust in endlosen Minuten an uns vorbei. Die Zeit wie ein Vakuum. Wo ist meine Tasche? Das Gefühl, als hätte ich gerade mein Leben abgegeben. Mein halbes Leben habe ich schon abgegeben. Mein Objektiv schlummert in zwei Teile zerbrochen in meiner Tasche, die jetzt ganz verschwunden ist. Ich schreie durch die stille nach auf französisch nach meiner Tasche. Und plötzlich taucht sie wieder auf. Meine Tasche. Es ist wie eine Erlösung. Eine Befreiung vom bösen Schicksal.

In Choum bietet mir ein Mann eine Pritsche an. Als ich nach einer Decke fragte, schaute er mich verständnislos an. In ganz Mauretanien gibt es keine Decken und kein Bettzeug. Wenn es keinen anderen Schlafplatz gibt, dann lege ich mich eben irgendwo hin. Es ist Dunkel. Ich taste mich eine Straße entlang, ohne zu wissen wohin. Der steinige Boden ist heute Nacht mein Hotel. Was braucht man mehr zum Leben? Ich habe keine Ahnung wo ich am nächsten Morgen aufwache. Die fahle Morgensonne enthüllt das Geheiminis: Ich befinde mich neben den Bahngleisen und habe gut geschlafen. Ein paar Morgenspaziergänger schauen mich entgeistert an. Verrückte Touristin die den Wohlstand satt hat. Mein Objektiv kommt mir in den Sinn. Kaputt. Keine Fotos. Und viel schlimer: Ich kann auf Teneriffa wiedermal nicht richtig arbeiten. Ein immer wiederkehrender Albtraum realisiert sich jetzt. Meine Kamera fällt hin und ist hinüber.


Die wenigen Häuser von Choum existieren nur wegen den Bahngleisen. Hier gibt es Nichts. Das Wasser wird von 100 km Entfernung herantransportiert. Der Ladenbesitzer bietet mir einen schmutzigen Schlafplatz an. Ich bewege mich nicht. Beobachte, wie mein Körper ab 9.00 Uhr zu schwitzen beginnt. Moina, ein achtjähriges Mädchen betrachtet neugierig mein Rucksackinhalt und verlangt meinen Wecker als Geschenk. Schon vor 100 Jahren war die Begrüßung Bonjour Madame, cadeau (Geschenk) Sie findet meinen Wecker besonders attraktiv. Schutzlose Weite, ein trockenes Gestrüpp spendet dürftigen Schatten, die Hitze brennt alle Gedanken aus. Ich denke nur an Wasser. Ohne Wasser bin ich verloren. Ein schwarzer Mauretanier, seine Haut glänzt im Sonnenlicht. Er lebt gerne in Choum. Hier ist sein Ort. Die Heimat kann überall sein, wenn nur das Herz eine Verbindung hat.

Ich habe keinen Hunger, muß etwas essen. Reis, eine Karotte, etwas Fisch und Süßkartoffeln. Meine Nerven liegen immer noch blank. Als ich von meinem Nachmittagsspaziergang zurückkomme, finde ich meinen Wecker nicht. Bestimmt hat das Mädchen den Wecker gestohlen. Ich raste aus, die Mutter beschimpft mich, das Mädchen schaut mich mit aufgerissenen schwarzen Augen an. Die Angst auf meiner Reise alles zu verlieren, vielleicht auch mich selbst. Ich habe den Wecker aus Mißtrauen gut versteckt und mich selbst in diese Situation gebracht. Als ich meinen Wecker endlich in meinem Rucksack gefunden habe, breche ich in Tränen aus. Versöhnung, der Ladenbesitzer lacht. Ich schenke der kleinen Moina ein Armband, sie ist glücklich endlich ein Geschenk bekommen zu haben. Und wir sind beste Freunde. Am Abend streite ich mich mit dem Ladenbesizter. Er will nochmal Geld von mir, mein Taxi nach Atar fährt heute abend und nicht wie ich dachte morgen früh. Ich bin immer noch müde, packe wütend meine Sachen und steige in den Jeep ein. Vergesse fast meine Schuhe. Er lächelt mir gelassen hinterher.

In Atar schlafe ich in der Herberge wieder draussen. Diesmal im Hof, neben einem silbernen Toyota. Atar ist die Hauptstadt von Chingettiland, das Land der endlosen Wüstendünen. 800 km bis Timbouktou ohne einem Menschen zu begegnen. Ein staubige Stadt mit fliegenden Plastiktüten. Der Müll gehört zum Stadtbild wie der Dom zum Petersplatz gehört. Es gibt keine Trennung zwischen Müll und anderen Sachen. Zwischen Papierfetzen und Plastikbergen werden Tomaten, Fleisch und Datteln verkauft. Ich sitze im Cafe Agadir und trinke einen Pfefferminztee. Die Zeit ist in Mauretanien endlos. Alle haben Zeit. So auch der 28 jährige Sidi. Ich habe keine Lust auf neue Bekanntschaften, und letztendlich rede ich doch mit ihm. Er zeigt mir eine andere Herberge. Dort begrüßt mich Ely, der in Madrid studierte, und perfekt englisch und spanisch spricht. Sein Wohnzimmer ist jetzt mein Hotelzimmer. Der Raum besteht aus vier Sitzgelegenheiten und acht Kissen, Ockerfarben mit schwarzen Karos. Braucht man sonst noch etwas? Ich schlafe eh wieder draussen. Diesmal auf der Terrasse. Decken gibt es hier auch nicht. Zwischen vier und acht Uhr morgens weht eine angenehme Luft auf dem Dach. Die Menschen in Mauretanien leben immer noch wie Nomaden. Es gibt nichts. Keine Möbel, nichts. Wie erschreckend wenig man zum Leben braucht. Die ausrangierten Autos aus den 70zigern fahren immer noch. Das Kleid, der Umhang ist gleichzeitig Handtuch und Betttuch. Schützt vor Hitze, Wind und Sand. Ein paar Matten, ein Fernseher und das Teebesteck mit vier Gläsern. Das ist alles. Alle schlafen draussen auf Matten in ihren Kleidern. DIe Gewänder sind praktisch, für jede Gelegenheiten.

Im Fernsehen läuft Bugs Bunny, die Looney Tunes habe ich in Amerika schon gesehen. Dann schaltet jemand um: ein französischer Kanal zeigt eine Travestieshow. Was hat das Fernsehen mit dieser Welt zu tun? Zwischendurch wird ein mauretanischer Sender eingschaltet. Mauretanien ist Sieger bei einem Poesiewettbewerb in Dubai geworden. Der Satellit empfängt 200 arabische Sender.

Sidi besucht Ely. Aber eigentlich besucht er mich. Wir sprechen über dieses und jenes, ich kann mich in der Hitze nicht bewegen. Die erste obligatorische Frage ist, ob ich verheiratet bin. Dann will er den Namen meines Freundes wissen. Ich muß überlegen. Wen nehme ich denn da? Ob er Spanier sei oder Deutscher. Sidi lädt mich zu seiner Familie ein. Seine Brüder liegen dösend auf dem Boden, nur die Mücken summen durch die heiße Luft. An der Haustür stinkt es nach Toilette. Warum muß die Toilette direkt neben dem Hauseingang liegen? Keinen scheint es zu stören, ausser mich. Sein Zimmer ist lieblos und chaotisch. Eine rotgeblümte synthetische Wolldecke aus China liegt auf dem Boden. Dort eine Kiste, hier irgendein Müll. Durch die Tür schauen ein paar Ziegen hinein. Sidi möchte das ich wiederkomme. Nach Atar. Dann heiraten. Er will nicht nach Europa. Denn Atar ist der beste Ort der Welt. Ja hier kann man auch ohne Geld gut leben. Das wenige was sie besitzen, teilen sie mit anderen. Deshalb finden sie es normal, dass die, die etwas besitzen, ihrerseits mit ihnen teilen. Sein Freund ein Friseur schneidet ihm die Haare umsonst, dafür hat er ein Fahrrad bekommen. Ganz Mauretanien sind Händler. Das war schon immer so. Ich schaue dem Friseur von einem speckigen Sofa aus zu. Das Sofa ist eigentlich schon zu alt für den Müll, aber es funktioniert immer noch. Von der Wand schauen indische Blondinen verführerisch auf den Kunden. Miss India ist blond. Es gibt kein Wasser, dafür einen großen Getthoblaster mit mauretanischer Musik. Und ich habe das Gefühl in einem der coolsten Friseurläden Mauretaniens zu sitzen.

Sidi zeigt mir auf einem Ausflug Azugi, ein Dorf in einem schönen Tal gelegen. Viele der runden Häuser aus Stroh sind offen und leer. Das ganze Mobiliar mitgenommen. Die Familien leben in der Stadt und haben hier eine zweite Wohnung. Sidi holt aus dem Kofferraum des Taxifahrers einen Metallkoffer hervor. Sieht aus wie ein Verbandskasten aus dem zweiten Weltkrieg. Was ist dort drin? Das Teebesteck natürlich. Ein Gaskocher, zwei Gläser, Tee und Zucker. Wir haben kein Feuer und warten auf andere Leute. Am Ende trinken wir Tee mit allen die vorbeikommen. Ein junger Mann mit drei Frauen und einem grünen Mercedes. Eine davon ist seine Freundin und andere Passanten.

Auf dem Dach eines Jeeps fahre ich mit anderen vier Jungs nach Chingetti. Der heiße Wüstenwind bläst ins Gesicht und trocknet die Kehle aus. Es ist wie Weihnachten, wenn man den Kopf kurz in den Backofen steckt, um nachzuschauen ob die Plätzchen schon gut sind. In Chingetti angekommen, genieße ich in einer Herberge europäischen Luxus. Einer 60zig jährige Französin, betreibt diese Herberge mit Erfolg und hat ein Reisebüro in Atar. Ab Oktober kommen hier Chartertflüge direkt aus Paris an. Ich versuche mir vorzustellen, was ich wohl mit 60 Jahren mache. Jetzt im August bin ich ausser einem Engländer und einem Schweizer, der fünf Jahre unterwegs sein will, die einzige Touristin. Durch meine Hütte weht der sandige Wind, ich sehe die grünen Palmen und einige Häuser von meinem Bett aus. Ich liege in meiner Hütte, meine Gedanken verschwunden. Schaue auf den bunten Baldachin über mir. Schwarzweisse Karos, blaurot weiße Streifen, braune Rosen mit grüngelben Mustern wechseln sich ab. Echte Mauretanische Atmosphäre herstellen, das können nur die Europäer.

Aus den Wohnzimern der Leute werden Dosen und Brot verkauft. Ich bin auf der Suche nach etwas Frischem. Es ist schon Dunkel und eine Frau leuchtet mit ihrer Taschenlampe die Regale ab. Plötzlich taucht im schwachen Rampenlicht der Taschenlampe eine JPS-Dose mit Tutti Frutticocktail auf. Ja, das ist meine Begierde! Erinnerungen an die siebziger Jahre. Während ich mit Genuss die Dose leere, schreien die Esel, Kamele schnauben, Hühner krähen und Ziegen mähen vor sich hin. Ganz schön laut für ein Dorf. Ansonsten herrscht Stille.

Ab 6.oo Uhr morgens wandere ich durch die sanften Dünenberge. Es ist egal wohin ich gehe, alles Berge, alles Täler. Ich selbst muß entscheiden. Der Sand fließt wie Wasser die Dünen hinunter und ist weich wie kühle Seide. In 20 cm Tiefe ist die Hitze des Vortages noch gespeichert. Allein. Die Luft beruhigt den wilden Geist. Zu weit in die falsche Richtung und ich bin verloren. Ob ich 30 km weiter bin oder hier, das ist egal. So wie das Leben sein sollte. Dort wo ich bin ist es gut. Trotzem muß ich selbst entscheiden. Die Landschaft gibt keine Vorgaben. Rosafarbender Sand verläuft sich im blassen Blau des Himmels.

Am Abend treffe ich eine französische Pfadfindergruppe, die ein Hygieneseminar in Zouerat gegeben haben. Einer davon war gerade in Berlin. Wir unterhalten uns über Friedrichshain und Wohngemeinschaften. Am Abend ist eine Hochzeit im Dorf und alle sind eingeladen. Auf zwei großen Ölfässern sitzend, schaut das Hochzeitspaar mit seinen besten Freunden den Tanzenden zu. Frauen wickeln sich tanzend in ihre bunten Schleier ein. Sie tanzen eigentlich nur für sich. Bauchtanz erscheint mir im Kontrast offensiv und ordinär. Eine männliche, klagende Stimme singt monoton in die Nacht hinein. Ab und zu fällt der Generator aus, es werden Lampen ausgetauscht und die Party geht weiter. Drei Tage dauert eine Hochzeit. Ein Tag für die Familie, die Freunde des Mannes und die Freunde der Frau. Eine willkommene Abwechslung für alle Dorfbewohner.

Achmed will mit mir eine Kameltour durch die Wüste machen. Ich brauche auch nichts zu bezahlen. Ich bin doch seine Freundin. Vorsichtshalber fragt er, ob ich Kondome benutze. Ich verzichte lieber auf die Wüstentour und spare mir die Kondome. Achmed stellt mich seinen Freundinnen vor: Sechs Frauen liegen oder sitzen entspannt im Salon. Der Kassettenrecorder spielt mauretanische Musik, noch halb in der Verpackung zum Schutz vor Sand. Ein Kind spielt auf dem Boden, die Mutter läßt sich von einer Frau die Füße mit Henna bemalen. Eine Frau macht Fotos mit ihrem Handy. Hände werden gewaschen. Essen. Es gibt Kamelfleich mit Pommes. Danach süße Kamelmilch. In einer Ecke Ecke ist eine Frau für den Tee zuständig. Sie produziert in der kleinen Kanne ständig Tee für alle. Hin und Her, Hin und Her, bis der gute Schaum entsteht. Alles ist unkompilziert, eine Person mehr oder weniger, das ist egal. Es ist immer für alle genug da. Durch die offenen Fenster weht eine angenehme Luft.

Ich unterhalte mich mit dem Buchhalter der Pension aus Burkina Faso. Er ist seit einem Jahr in Mauretanien und fühlt sich nicht besonders wohl hier. Nicht nur, wegen des moslemischen Glaubens, sondern er leidet auch unter dem Körpergeruch. DIe Leute waschen sich nicht, sie benutzen keine Seife.

Hinter einem klebrigen Vorhang stehen zwei grüne Bänke an türkisfarbene Wände. Im Hinterzimmer bereiten die Frauen den Reis in großen Schüsseln vor. EIne hübsche Jugendliche bedient die Gäste. Ihre orangefarbene Cordhose, kombiniert mit rotem T-Shirt, erinnert an die Bronx, New York. Das Haar mit einem schwarzen Kopftuch nach hinten gebunden.

Mein Frühstück besteht heute aus drei Bananen und Kamelfleisch auf Kohlen gegart.

In Nouadhibou wieder angekommen, schaue ich dem Juwelier Ahmed bei seiner Arbeit zu. Sofort zeigt er mir einen grünen Stein. Der wird mir gefallen. Er nimmt einen fertigen Ring und wechselt zuversichtlich den Stein in der Fassung. Ich werde bestimmt etwas kaufen. Unter dem Stein holt er ein Stück Pappe hervor. Nachdem wir nach einigen Tassen Tee den Kauf besiegeln haben, schneidet er das Kamelfleisch mit seinem Juwelierbesteck in kleine Stücke. Das köstlichste Fleisch was ich jemals gegessen habe. Ob er auf Teneriffa Geld verdienen könnte? Aber eigentlich will er hier nicht weg. Ist nur so eine Idee.


Wir fahren zu Acht in einem weißen Mercedes dicht gedrängt durch das leere Land. Sand und Land ist in der Sprache der Mauretanier das gleiche Wort. Nouakchott, die Hauptstadt, ist für europäische Augen ein einziger Müllhaufen. Neben mir sitzt.... aus Liberia. Er spricht perfektes amerikanisch. Die einzige Kolonie Amerikas in Afrika. Liberia ist ein schönes Land. Hat das beste Gold und die besten Diamanten der Welt. Und jetzt eine Präsidenten an der Macht. Ich sollte unbedingt hinfahren.

Wir überqueren die Grenze von Nouadhibou nach Dakhla mit einem Transporter mit sieben Mitreisenden. Ich teile mir einen Sitz mit Mohamed, einem Marokkaner, der Geschäfte in Senegal macht und früher bei IBM gearbeitet hat. Aisha, eine Mauretanierin reist mit einem großen Koffer voller Waren. Sie kann erst weiterfahren, wenn sie ein paar Sachen aus ihrem Koffer verkauft hat. Ganz Mauretanien leben vom Handel. Ware aus dem Senegal, die bis Agadir transportiert wird. Wenn die Gegenwart nicht gesichert ist, braucht man nicht an die Zukunft zu denken. Ich versuche mir vorzustellen, so zu reisen, nicht planen, sondern weiterkommen, wenn man wieder etwas Geld verdient hat.

Es dauert drei Stunden bis wir loskommen. Der Fahrer hat Probleme mit einem Papier. Die Sonne steht blass am Horizont, als wir an der Grenze nach Marokko auf die Einreise warten. Immer wieder wird nach dem Beruf gefragt. Wenn man den Beruf ändert, muß der Ausweis auch geändert werden. Der Fahrer hat ein Kiste Mangos und Taschenlampen als Geschenke für die Polizisten, die immer mal wieder an einem Grenzposten in der leeren Landschaft auftauchen. Der Fahrer ist müde und versucht sich mit Musik und eintönigen Koranversen wach zu halten. Soll ich nicht fahren? Kannst du fahren? Gut? Letztendlich traue ich mich nicht, acht Personen durch die Wüste zu transportieren. Also fährt der müde Ibrahim weiter.

1250 km bis Laayoune. Diese Stadt in der Westsahara erscheint mir nach Mauretanien wie New York. Hier gibt es alles. Nüsse, Tücher, Äpfel, Mangos, Trauben, Stoffe, Kleider, Schuhe. Die letzten Tage verbringe ich im »Kaufrausch«. Eiscreme, Milchkaffe, gebackener Fisch.
Weiß mit gelben Rosen, rot mit rosa Punkten, violette, gelbe Blumen, grasgrün mit blaugrün vermischt. Eine Tasse Kaffee und ich tauche im Nebel des Kanarenstroms aus dem Orient wieder in die europäische Welt. Der Flughafen von Teneriffa riecht nach Parfüm. Morgen beginnt der Alltag auf Teneriffa.